Die steigende Lebenserwartung und der wachsende Anteil älterer Menschen stellen die zahnmedizinische Versorgung vor neue, komplexe Aufgaben. Gleichzeitig zeigen epidemiologische Daten, dass sich die Mundgesundheit im Alter verbessert, aber auch neue Risiken mit sich bringt. Um diesen Entwicklungen gerecht zu werden, ist eine enge Zusammenarbeit von Zahnärzten, Ärzten, Pflegekräften und weiteren Fachdisziplinen unabdingbar.
Demografische Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Zahnmedizin
Deutschland: Prognose für 2050
Laut einer Projektion des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung werden im Jahr 2050 rund 27 % der deutschen Bevölkerung älter als 65 Jahre sein. Dieser Anstieg macht die Alterszahnmedizin zu einem zentralen Versorgungselement der zukünftigen zahnärztlichen Praxis.
Globale Alterungstrends
Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass weltweit bis 2050 etwa 16 % der Bevölkerung das 65-Lebensjahr überschreiten werden. Der globale Trend unterstreicht die Notwendigkeit, Konzepte der Alterszahnmedizin international zu überdenken und anzupassen.
Epidemiologische Fakten zur Mundgesundheit älterer Menschen
- Karieserfahrung bei 65- bis 74-Jährigen: 17,6 Zähne (2023, DMS 6) – ein Rückgang von 23,6 Zähnen im Jahr 1997.
- Zahnlosigkeit unter Senioren: 5 % (2023, DMS 6).
- Parodontitis im Stadium 3 und 4: 26,3 % bzw. 26,4 % (2023, DMS 6).
- Wurzelkaries: 59,1 % (2023, DMS 6).
Die Zahlen zeigen einerseits Erfolge der Prävention – mehr Zähne bleiben erhalten – und andererseits eine zunehmende Morbiditätskompression, weil mehr Zähne im Risiko stehen.
Herausforderungen in der Alterszahnmedizin
- Multimorbidität erhöht die Behandlungs- und Planungs-Komplexität.
- Polypharmazie kann die Mundschleimhaut und den Knochenstoffwechsel beeinflussen.
- Kognitive Einschränkungen erschweren die Patienten-Aufklärung und Mundhygiene.
- Nachlassende Feinmotorik reduziert die Eigenpflege-Fähigkeit.
- Morbiditätskompression führt zu hohen Anteilen schwerer Parodontitis und Wurzelkaries.
Diese Faktoren machen deutlich, dass die rein zahnärztliche Sichtweise nicht ausreicht, um eine optimale Versorgung sicherzustellen.
Interdisziplinäre Konzepte und aktuelle Initiativen
Der 36. Jahreskongress des European College of Gerodontology (ECG) im Mai 2026 in Köln brachte Experten aus Gerodontologie, Geriatrie, Epidemiologie, Kariologie, Prothetik und Pflegewissenschaften zusammen. Die Tagung verdeutlichte die zentrale Forderung nach Vernetzung und präsentierte mehrere praxisnahe Modelle.
Framework Gerodontology – ein neues Klassifikationsmodell
Entwickelt von Prof. Falk Schwendicke in einem internationalen Workshop in Genf, erfasst das Framework Gerodontology die Heterogenität älterer Patienten. Es adaptiert das EFP/AAP-Modell der Parodontitis und integriert:
- Clinical Frailty Scale (Staging).
- Funktionsbezogene Bewertung des Gebisses und der oralen Alltagsfunktionen.
- Bewertung von Xerostomie, Ernährung, Allgemeinerkrankungen und sozialem Umfeld.
Durch „Staging“ und „Grading“ wird sowohl das aktuelle Risiko als auch das Fortschritts-Potential eingeschätzt, was eine gezielte, interprofessionelle Therapieplanung ermöglicht.
Gerodent Plus – interprofessionelle Zusammenarbeit in Flandern
Das Projekt Gerodent Plus, vorgestellt von Prof. Barbara Janssens, kombiniert E-Learning für Fachkräfte, strukturierte Gespräche zwischen Medizinern und Zahnärzten sowie Leitfäden für die häusliche Mundhygiene. Erste Ergebnisse zeigen Verbesserungen bei der Mundhygiene zu Hause und einer verstärkten Zusammenarbeit der Professionen, jedoch bleibt die Wiedereinbindung von Patienten in regelmäßige Prävention eine Herausforderung.
S2k-Leitlinie „Zahnmedizinische Betreuung geriatrischer Patienten„
Im Jahr 2026 veröffentlicht, bietet die Leitlinie einen konsentierten Handlungsrahmen für die Versorgung älterer und pflegebedürftiger Menschen. Sie unterstützt Zahnärzte bei der Integration interdisziplinärer Maßnahmen in den Praxisalltag.
Frailty – das zentrale Konzept für die Patientenorientierung
Frailty beschreibt einen Zustand reduzierter physiologischer Resilienz, der das Risiko für Komplikationen erhöht. Nach Campbell und Buchner ist Frailty ein dynamischer, potenziell reversibler Zustand, der über Instrumente wie den Clinical Frailty Scale erfasst wird. Zwischen Frailty und Mundgesundheit bestehen wechselseitige Beziehungen, etwa über Ernährung, allgemeine Gesundheit und soziale Faktoren.
Fazit
Die demografischen Prognosen und die aktuellen epidemiologischen Daten verdeutlichen, dass die zahnmedizinische Versorgung älterer Menschen in den kommenden Jahrzehnten zunehmend komplex wird. Interdisziplinäre Ansätze – von strukturierten Klassifikationssystemen über Leitlinien bis hin zu konkreten Kooperationsprojekten wie Gerodent Plus – sind bereits in der Umsetzung und zeigen erste Erfolge. Um die orale Gesundheit und damit die Lebensqualität einer wachsenden älteren Bevölkerung zu sichern, müssen Zahnärzte, Ärzte, Pflegekräfte und weitere Fachdisziplinen gemeinsam handeln, die Gesamtkonstitution der Patienten berücksichtigen und die Behandlung von der reinen Zahnerhaltung hin zur Erhaltung oraler Funktionen ausrichten.
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