Die demografische Entwicklung stellt die Zahnmedizin vor neue Aufgaben: Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Lebensalter, behalten eigene Zähne oder komplexen Zahnersatz und benötigen gleichzeitig eine angepasste Zahnmedizinische Versorgung. Die neue S2k-Leitlinie „Zahnmedizinische Betreuung geriatrischer Patienten“ liefert dafür einen konsentierten Handlungsrahmen und berücksichtigt sowohl funktionelle Kapazitäten als auch die besonderen Risiken älterer und pflegebedürftiger Menschen.
Demografischer Wandel und steigender Bedarf an zahnärztlicher Versorgung
- Prognose der WHO: Bis 2050 werden weltweit über 2 Milliarden Menschen älter als 60 Jahre sein (22 % der Weltbevölkerung).
- Voraussichtliche Zahl der über-60-Jährigen im Jahr 2050: 2,1 Milliarden Personen (Quelle S1).
- Studien zeigen, dass bis zu 30 % der älteren Erwachsenen an Dysphagie (Schluckstörungen) leiden (Quelle S2, Jahr 2021).
Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Nachfrage nach zahnmedizinischen Dienstleistungen in den kommenden Jahrzehnten stark zunehmen wird. Gleichzeitig verschieben sich orale Erkrankungen in höhere Lebensalter, während Mundhygienefähigkeiten und Therapiefähigkeit häufig abnehmen.
Zunahme älterer Menschen mit Zahnerhalt
Eine aktuelle WHO-Prognose zeigt, dass die Zahl der über 60-Jährigen bis 2050 auf über 2 Milliarden ansteigen wird. Dieser Anstieg erfordert eine angepasste zahnmedizinische Versorgung, die die Erhaltung der natürlichen Zähne und den Umgang mit komplexem Zahnersatz berücksichtigt. Die S2k-Leitlinie betont, dass diese wachsende Patientengruppe gerechte und umfassende Pflege erhalten muss.
Die neue S2k-Leitlinie für die geriatrische Zahnmedizin
Im März 2026 wurde in Deutschland erstmals ein konsentierter Handlungsrahmen für die zahnmedizinische Versorgung älterer und pflegebedürftiger Menschen veröffentlicht. Das interdisziplinäre Leitlinienprojekt wurde von der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin (DGAZ) und der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) gemeinsam mit 16 Fachgesellschaften und Organisationen erarbeitet.
Kernbotschaften der Leitlinie
- Die neue S2k-Leitlinie bietet einen konsentierten Handlungsrahmen für die zahnmedizinische Versorgung älterer Menschen.
- Alter ist nicht allein ein kalendarisches Konzept, sondern sollte durch allgemeine und zahnmedizinische funktionelle Kapazität bewertet werden.
- Die geriatrische Zahnmedizin stützt sich stärker auf klinische Erfahrung als auf klassische evidenzbasierte Studien.
- Die Leitlinie basiert auf strukturiertem Expertenkonsens (S2k-Verfahren) und enthält praxisnahe Hinweise, die in rein evidenzbasierten Leitlinien selten zu finden sind.
Praxisrelevante Themen: Mundhygiene und Schluckstörungen
Mundhygiene im (Pflege-)Alltag umsetzen
Die Leitlinie fordert Zahnärzte aktiv dazu auf, die häusliche Mundhygiene zu unterstützen und individuell geeignete Hilfsmittel zu empfehlen (Empfehlung 7). Wenn Patienten auf Unterstützung angewiesen sind, sollen Angehörige und Pflegepersonen nach Einverständnis in die Mundpflege-Anleitung einbezogen werden (Statement 1). Ein bewilligter Pflegegrad kann helfen, den Unterstützungsbedarf zu beurteilen. Praktische Demonstrationen der Eigenreinigung sind dabei unerlässlich – die Aussage „Ich putze meine Zähne regelmäßig“ reicht nicht aus.
Eine aktuelle WHO-Prognose unterstreicht die Notwendigkeit einer angepassten zahnmedizinischen Versorgung für die wachsende Gruppe über-60-Jähriger. Die Leitlinie verknüpft diese demografische Entwicklung mit konkreten Empfehlungen, um eine gerechte und umfassende Pflege sicherzustellen.
Schluckstörungen und Aspirationsgefahr
Bis zu 30 % der älteren Erwachsenen leiden an Dysphagie, was das Aspirationsrisiko erhöht und die Mundpflege erschwert. Die Leitlinie empfiehlt, bei Verdacht auf Schluckstörungen das „Dysphagie Screening Tool Geriatrie“ anzuwenden und bei Bedarf logopädische Behandlung zu verordnen. Jeder Zahnarzt soll Schluckprobleme im Blick haben und, wenn nötig, über den Hausarzt oder Logopäden weitere diagnostische bzw. therapeutische Maßnahmen anregen (Empfehlung 16).
Herausforderungen und Gegenmaßnahmen
Ressourcenmangel in der geriatrischen Versorgung
Ein relevanter Gegenpunkt ist der mögliche Ressourcenmangel: Ohne ausreichend ausgebildete Fachkräfte für die geriatrische Zahnmedizin könnte die Qualität der Versorgung beeinträchtigt werden. Die Leitlinie betont daher die Notwendigkeit von Fort- und Weiterbildungen sowie den Aufbau barrierearmer Praxisstrukturen, um den steigenden Bedarf zu decken.
FAQ zur S2k-Leitlinie
- Was ist die S2k-Leitlinie zur geriatrischen Zahnmedizin? Es handelt sich um einen konsentierten Handlungsrahmen, der spezifische Empfehlungen zur zahnmedizinischen Betreuung älterer und pflegebedürftiger Patienten bietet.
Fazit
Der demografische Wandel führt zu einer wachsenden Zahl älterer Menschen mit Zahnerhalt und zu einer hohen Prävalenz von Schluckstörungen. Die neue S2k-Leitlinie liefert einen praxisnahen, konsensbasierten Rahmen, der sowohl die funktionelle Bewertung des Alters als auch die besonderen Risiken wie Dysphagie berücksichtigt. Durch gezielte Empfehlungen zur Mundhygiene, Einbindung von Pflegepersonen und Schulung von Fachkräften wird die zahnmedizinische Versorgung älterer und pflegebedürftiger Patienten nachhaltig gestärkt. Die Umsetzung der Leitlinie ist ein entscheidender Schritt, um den steigenden Bedarf zu decken und die Mundgesundheit der älteren Bevölkerung langfristig zu sichern.
Inhaltsverzeichnis

