Die Mundhygiene von Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, ist kein Randthema, sondern ein zentraler Faktor für die Vermeidung systemischer Erkrankungen und für die Steigerung der Lebensqualität. Schlechte Mundhygiene erhöht das Risiko für Pneumonie und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, während eine konsequente prophylaktische Betreuung das allgemeine Wohlbefinden deutlich verbessert.
Warum Mundhygiene bei Pflegebedürftigen entscheidend ist
Pflegebedürftige Personen benötigen häufig Unterstützung bei der täglichen Zahnpflege. Ohne diese Unterstützung können Plaque und Bakterien zu Parodontalerkrankungen führen, die wiederum das Risiko für schwere systemische Komplikationen wie Pneumonie oder Endokarditis erhöhen. Die enge Verknüpfung zwischen oraler und allgemeiner Gesundheit macht die Prävention zu einer unabdingbaren Aufgabe im Pflegealltag.
Prävalenz von Parodontalerkrankungen bei Senioren
Studien zeigen, dass bis zu 70 % der geriatrischen Patienten an Parodontalerkrankungen leiden. Dieser hohe Wert verdeutlicht die Dringlichkeit präventiver zahnmedizinischer Maßnahmen und unterstreicht, dass regelmäßige zahnärztliche Betreuungen unverzichtbar sind.
Aktueller Stand der zahnärztlichen Versorgung in Deutschland
Die Zahl der Pflegebedürftigen, die in Deutschland zahnärztlich untersucht werden, ist in den letzten Jahren gestiegen, liegt jedoch noch deutlich unter den geforderten Standards. Im Jahr 2022 wurden lediglich 32 % der Pflegebedürftigen zahnärztlich untersucht (KZBV 2022) – ein Wert, der deutlich hinter den notwendigen Versorgungszielen zurückbleibt.
Das Ausmaß des Problems zeigt auch die Zahl der Betroffenen: In Deutschland gab es Ende 2023 rund 5,7 Millionen Pflegebedürftige (Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik), Tendenz steigend. Ein großer Teil der Senioren hat behandlungsbedürftige Zahnerkrankungen.
Japan als Vorbild
In Japan arbeiten Dentalhygienikerinnen eng mit Pflegekräften zusammen und übernehmen Schlüsselrollen bei der Mundhygieneschulung sowie bei der Betreuung von Patienten mit Dysphagie. Diese enge interdisziplinäre Zusammenarbeit wird als möglicher Grund für die deutlich höhere Lebenserwartung in Japan genannt.
Praxisbeispiele und mobile Lösungen in Europa
Auf der Jahrestagung des European Congress of Gerodontology in Köln wurden mobile Konzepte vorgestellt, die eine flexible Versorgung ermöglichen:
- Leichte mobile Stühle mit einem Gewicht von rund 18 kg (Hersteller BPR, Schweiz).
- Transportierbare Ausrüstung, die je nach Ausstattung zwischen 12 kg und 50 kg wiegt und für den Aufzug in Pflegeeinrichtungen geeignet ist.
- Das Team der Gerodontologie-Spezialistin Dr. Lynn Janssens (Universität Gent, Belgien) führt mit mobilen Einheiten rund 60 % aller präventiven Maßnahmen bei immobilen Patienten durch.
Hindernisse und Gegenmaßnahmen
Ein zentrales Gegenargument ist die eingeschränkte Verfügbarkeit bezahlbarer Dentaldienste. Diese Situation kann dazu führen, dass viele Pflegebedürftige weiterhin keine adäquate Zahnpflege erhalten. Um dem entgegenzuwirken, wird eine Reform des Ausbildungssystems gefordert, die eine stärkere Integration von oralmedizinischem Assistenz-Personal ermöglicht und sektorale Grenzen aufhebt.
- Ausweitung des Kompetenzrahmens für nicht-ärztliche Praxisassistenten.
- Verbesserte Durchlässigkeit zwischen zahnmedizinischer und pflegerischer Ausbildung.
- Einbindung von Dentalhygienikerinnen als Team-Member in Pflegeeinrichtungen.
Wie steht die Mundhygiene mit systemischen Erkrankungen in Verbindung?
Schlechte Mundhygiene kann das Risiko für Pneumonie und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.
Fazit
Die orale Pflege von Pflegebedürftigen steht an einer kritischen Schnittstelle zwischen Zahnmedizin und Pflege. Trotz steigender Zahlen bei zahnärztlichen Untersuchungen (32 % 2022) bleibt ein großes Versorgungsdefizit bestehen. Die hohe Prävalenz von Parodontalerkrankungen und der erhebliche Anteil von Senioren mit Zahnerkrankungen verdeutlichen den Handlungsbedarf. Internationale Vorbilder wie Japan zeigen, dass eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit und gut ausgebildete Dentalhygienikerinnen wirksame Lösungen bieten können. Durch mobile Versorgungseinheiten, gezielte Ausbildungsreformen und die Auflösung sektoraler Barrieren kann die Mundgesundheit von Pflegebedürftigen nachhaltig verbessert werden – zum Wohle der Betroffenen und zur Prävention schwerwiegender systemischer Erkrankungen.

