Neue S2k-Leitlinie zur zahnmedizinischen Betreuung geriatrischer Patienten – Bedeutung, Empfehlungen und Umsetzung

eine moderne zahnarztpraxis mit einem blauen behandlungsstuhl zahnärztlichen instrumenten einem waschbecken und einem zahnmodell auf einem tablett

Im März 2026 wurde in Deutschland die neue S2k-Leitlinie „Zahnmedizinische Betreuung geriatrischer Patienten“ veröffentlicht. Sie stellt den ersten konsentierten Handlungsrahmen für die zahnmedizinische Versorgung älterer und pflegebedürftiger Menschen dar und bietet Zahnärztinnen und Zahnärzten ein strukturiertes Konzept, um den speziellen Bedürfnissen dieser wachsenden Patientengruppe gerecht zu werden.

Hintergrund und Ziel der neuen S2k-Leitlinie

Die Leitlinie wurde von der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin (DGAZ) gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und 16 weiteren Fachgesellschaften erarbeitet. Sie umfasst organisatorische, klinische, rechtliche und ethische Aspekte und ist damit besonders breit angelegt. Der Leitlinien-Koordinator Prof. Dr. Cornelia Frese betont, dass das Projekt bereits 2021 bei der AWMF angemeldet wurde und lange Vorarbeiten erforderte, weil die Zielgruppe sehr heterogen ist.

Konsensbasierter Handlungsrahmen

Da die verfügbare Literatur zu geriatrischer Zahnmedizin begrenzt ist, spielt der Expertenkonsens eine zentrale Rolle. Die interdisziplinäre Zusammensetzung des Gremiums – mit Geriatern, Logopäden, Allgemeinmedizinern und Zahnärzten – ermöglicht es, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren und ein ausgewogenes Behandlungskonzept zu entwickeln.

Bedeutung der geriatrischen Zahnmedizin für Lebensqualität

Eine gute Mundgesundheit ist eng mit einer höheren Lebensqualität im hohen Alter verknüpft. In einer Untersuchung von Hundertjährigen (Sekundo et al., 2021) berichteten 62 % der Teilnehmenden, die über gute Mundgesundheit verfügten, von einer verbesserten Lebensqualität. Diese Erkenntnis unterstützt die Leitlinie, die den Erhalt eigener Zähne als entscheidenden Faktor für Ernährung und Wohlbefinden hervorhebt.

  • Metric: Zahnzustand und Lebensqualität
  • Wert: 62 % (Jahr 2021)
  • Hinweis: 62 % der Hundertjährigen hatten gute Mundgesundheit und berichteten von besserer Lebensqualität.

Im selben Jahr wurden rund 1,5 Millionen geriatrische Patienten in Deutschland zahnmedizinisch betreut (Quelle: DGAZ, 2021). Diese Zahl verdeutlicht den hohen Versorgungsbedarf und die Notwendigkeit, die Leitlinie flächendeckend umzusetzen.

  • Metric: Anzahl der betreuten geriatrischen Patienten
  • Wert: 1.500.000 Patienten (Jahr 2021)
  • Quelle: S1 – Zahnmedizinische Versorgung in der Geriatrie 2021, DGAZ

Empfehlungen der Leitlinie – Aufsuchende Betreuung und Zahnerhalt

Die Leitlinie enthält mehrere zentrale Empfehlungen, die speziell auf die Bedürfnisse älterer Menschen abzielen:

  • Empfehlung 6: Der Erhalt eigener Zähne soll angestrebt werden, weil er eine gute Kaufunktion gewährleistet.
  • Empfehlung 11 und 14: Zahnärztliche Praxen sollen aufsuchend tätig werden. Seit 2018 ist dies im Bundesmantelvertrag verankert.
  • Empfehlung 14 betont, dass jede Praxis ein Konzept zur strukturierten aufsuchenden Betreuung entwickeln, regelmäßig evaluieren und anpassen soll, da diese Versorgung Teil der vertragszahnärztlichen Leistungen ist.

Die Praxisbeispiele aus dem Interview zeigen, wie diese Empfehlungen konkret umgesetzt werden können. So wird beispielsweise bei Patienten, die nicht mehr in die Praxis kommen können, ein Hausbesuch ermöglicht, um notwendige Behandlungen zu planen.

Umsetzung und Herausforderungen

Obwohl die Leitlinie klare Vorgaben macht, gibt es praktische Hindernisse, insbesondere im ländlichen Raum, wo der Zugang zu Zahnarztpraxen eingeschränkt ist. Die Umsetzung erfordert:

  • Schulungen für Zahnärztinnen und Zahnärzte, um die on-searching Betreuung zu etablieren.
  • Klärung rechtlicher Rahmenbedingungen für Hausbesuche, die seit 2018 im Bundesmantelvertrag festgeschrieben sind.
  • Förderung der Akzeptanz bei Pflegeeinrichtungen und Patienten, um die Häufigkeit von Hausbesuchen zu erhöhen.

Ein häufig gestellte Frage lautet: Wie häufig werden Hausbesuche von Zahnärzten angeboten? Die Antwort: Hausbesuche sind gesetzlich anerkannt, werden jedoch noch zu selten praktiziert, obwohl viele Zahnärzte bereit sind, diese Leistung anzubieten.

Praxisbeispiel: Das oral-geriatrische Paradoxon

Ein typisches Dilemma in der geriatrischen Zahnmedizin ist das sogenannte „oral-geriatrische Paradoxon“: Ein älterer Patient ist mit seiner bestehenden Prothese zufrieden, während Angehörige eine neue Prothese fordern. Die Leitlinie unterscheidet zwischen objektivem und relativiert-objektivem Behandlungsbedarf. Im beschriebenen Fall könnte eine Unterfütterung der Prothese ein Kompromiss sein, wobei auch das Unterlassen einer Therapie in Betracht gezogen wird.

Fazit

Die neue S2k-Leitlinie zur zahnmedizinischen Betreuung geriatrischer Patienten schafft einen ersten konsentierten Handlungsrahmen, der sowohl die Bedeutung des Zahnerhalts als auch die Notwendigkeit aufsuchender Versorgung betont. Statistiken zeigen, dass 62 % der Hundertjährigen mit guter Mundgesundheit eine höhere Lebensqualität genießen und dass im Jahr 2021 rund 1,5 Millionen geriatrische Patienten zahnmedizinisch versorgt wurden. Trotz bestehender Herausforderungen – insbesondere in ländlichen Regionen – bietet die Leitlinie klare Empfehlungen, um die Versorgung älterer Menschen zu verbessern. Durch gezielte Schulungen, rechtliche Klarstellungen und die Förderung von Hausbesuchen kann die zahnmedizinische Versorgung im hohen Alter weiter optimiert und damit ein wesentlicher Beitrag zur Lebensqualität von Seniorinnen und Senioren geleistet werden.

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