Die Prävention von Karies steht im Zentrum der modernen Zahnmedizin. Neben etablierten Maßnahmen wie gründlichem Zähneputzen und der Reduktion von Zucker gewinnt das Kauen von zuckerfreiem Kaugummi zunehmend an Bedeutung. Zahlreiche Fachkräfte kennen bereits die aktuelle S3-Leitlinie zur Kariesprävention, doch die Umsetzung in der täglichen Praxis bleibt hinter den Empfehlungen zurück. Dieser Artikel fasst die wissenschaftliche Evidenz, die klinischen Studienergebnisse und die aktuelle Praxislage zusammen und zeigt, warum zuckerfreies Kaugummikauen ein effektiver Baustein im Präventionskonzept sein kann.
Wissenschaftliche Basis des Kaugummikauens
Speichelstimulation und Remineralisation
Der Speichel ist ein zentrales Schutzsystem der Mundhöhle. Durch das Kauen von zuckerfreiem Kaugummi wird die Speichelproduktion signifikant angeregt. Der erhöhte Speichelfluss hat mehrere positive Effekte:
- Neutralisation von Säuren, die nach dem Essen entstehen.
- Unterstützung der Remineralisation dank enthaltenem Calcium und Phosphat.
- Bereitstellung von Puffersystemen, die das kariogene Potenzial von Bakterien reduzieren.
- Verbesserte Clearance von Speiseresten aus der Mundhöhle.
Studien zeigen, dass die Speichelstimulation durch Kaugummikauen die Mundgesundheit nachhaltig verbessert (Prof. Dr. Schlüter, 2024).
Reduktion kariogener Bakterien
Eine klinische Studie aus dem Jahr 2023 dokumentierte eine Reduktion cariogener Bakterien um 20 % bei regelmäßiger Anwendung von zuckerfreiem Kaugummi. Dieser Befund unterstreicht die mikrobiologische Wirksamkeit des Kaugummikauens als ergänzende Maßnahme zur mechanischen Biofilmentfernung.
Klinische Evidenz aus Langzeitstudien
Langzeitbeobachtungen bestätigen die präventiven Effekte. Eine 24-Monate-Studie aus dem Jahr 2024 verglich Kinder, die regelmäßig zuckerfreies Kaugummi kauen, mit einer Kontrollgruppe ohne Kaugummikonsum. Die Ergebnisse zeigten eine um 15 % geringere Kariesprogression bei den Kaugummikonsumenten. Diese Daten stärken die Evidenzbasis für die Aufnahme von Kaugummikauen in das Präventionskonzept von Kinder- und Jugendzahnpflege.
Zusammengefasst belegen die Studien, dass das Kauen von zuckerfreiem Kaugummi nicht nur den Speichelfluss erhöht, sondern auch die bakterielle Belastung reduziert und die Kariesentwicklung verlangsamt.
Umsetzung in der Praxis – aktuelle Situation
Obwohl die wissenschaftliche Basis solide ist, spiegelt sich die Empfehlung von Kaugummikauen in der Praxis nur teilweise wider:
- 75 % der zahnmedizinischen Fachkräfte kennen die S3-Leitlinie zur Kariesprävention (Quelle S2, 2024).
- Nur 43 % der befragten Zahnärzte geben an, Kaugummi aktiv zu empfehlen (Quelle S1, 2024).
- Ein Viertel (25 %) der Zahnärzte empfiehlt das Kaugummikauen in der täglichen Praxis.
- 57 % der befragten Zahnmediziner haben in den drei Monaten vor der Umfrage kein einziges Mal Kaugummi als Prophylaxemaßnahme empfohlen.
Die Diskrepanz zwischen Kenntnis und Anwendung wird teilweise mit der Wahrnehmung erklärt, dass Kaugummi nicht als klassisches zahnmedizinisches Produkt gilt. Dennoch wird betont, dass das Kauen eine ergänzende, aber keine Ersatz-Maßnahme zum Zähneputzen darstellt.
Expertenmeinungen und Leitlinienempfehlungen
Vier Expertinnen aus Forschung, Praxis und Industrie erläutern die Bedeutung des Kaugummikauens:
- Prof. Dr. Nadine Schlüter betont, dass die S3-Leitlinie das Kauen von Kaugummi nach den Mahlzeiten explizit empfiehlt und damit die Speichelstimulation als zentrale Präventionsmaßnahme verankert.
- Dr. Stefanie Senge integriert das Kaugummikauen seit über zehn Jahren in ihr Prophylaxekonzept und empfiehlt es besonders nach dem Essen am Arbeitsplatz.
- Nancy Djelassi, Dentalhygienikerin, sieht das Kaugummikauen als festen Bestandteil ihres Prophylaxekonzepts und gibt jedem Patienten nach der Behandlung einen zuckerfreien Kaugummi als „kleine Zahnpflege to go“.
- Janina Werner vom Wrigley Oral Health Program (WOHP) weist darauf hin, dass das Bewusstsein für die Speichelstimulation durch Kaugummi noch ausbaufähig ist und unterstützt die Verbreitung von Informationsmaterialien und Mini-Pack-Give-aways.
Die S3-Leitlinie fasst die wichtigsten eigenverantwortlichen Maßnahmen zusammen:
- Mechanische Reinigung aller Zähne zweimal täglich mit fluoridhaltiger Zahnpasta.
- Reduktion des Zuckerkonsums auf maximal 10 % der täglichen Energieaufnahme.
- Einsatz von Fluoridpräparaten bei erhöhtem Risiko.
- Empfehlung zum Kauen von zuckerfreiem Kaugummi nach den Mahlzeiten.
FAQ – häufige Fragen zum Kaugummikauen
- Wie oft sollte ich Kaugummi kauen? Empfohlen wird das Kauen von zuckerfreiem Kaugummi nach jeder Mahlzeit, um den Speichelfluss zu erhöhen und die Mundgesundheit zu unterstützen.
- Ersetzt Kaugummikauen das Zähneputzen? Nein. Kaugummikauen ist eine Ergänzung, die die Selbstreinigungs- und Pufferfunktion des Speichels stärkt, aber die mechanische Plaque-Entfernung nicht ersetzen kann.
- Welche Wirkung hat das Kaugummikauen bei Kindern? Langzeitstudien zeigen eine um 15 % geringere Kariesprogression bei Kindern, die regelmäßig zuckerfreies Kaugummi kauen.
Fazit
Zuckerfreies Kaugummikauen ist eine evidenzbasierte, niederschwellige Maßnahme, die den Speichelfluss stimuliert, kariogene Bakterien reduziert und die Kariesprogression verlangsamt. Trotz hoher Bekanntheit der S3-Leitlinie empfehlen nur rund ein Drittel der Zahnärzte das Kaugummi aktiv. Die vorhandenen Daten – 20 % Reduktion kariogener Bakterien (2023) und 15 % geringere Kariesprogression bei Kindern (2024) – liefern eine solide Grundlage, um das Kaugummikauen stärker in Präventionsprogramme zu integrieren. Durch gezielte Aufklärung, Einbindung in Patienten-Beratungen und Bereitstellung von Kaugummis als Mini-Give-aways kann das Potenzial dieser einfachen Maßnahme voll ausgeschöpft werden. Damit wird nicht nur die Mundgesundheit verbessert, sondern auch ein Beitrag zur allgemeinen Gesundheit geleistet.
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