Die zahnmedizinische Ausbildung in Deutschland steht an einem kritischen Scheideweg: einerseits gibt es einen anhaltend hohen Bewerbungsüberhang, andererseits drohen demografische Entwicklungen und ein wachsender Anteil privater Studienplätze die flächendeckende Versorgung zu gefährden. Staatliche Hochschulzahnkliniken bilden das Rückgrat einer wissenschaftlich fundierten, sozial gerechten und praxisnahen Ausbildung. Dieser Artikel fasst die wesentlichen Fakten, Risiken und politischen Forderungen zusammen, die zahnärztliche Organisationen und Verbände vorgelegt haben.
Begrenzte Ausbildungskapazitäten bei anhaltendem Bewerbungsüberhang – Zahlen und Fakten
Die Diskrepanz zwischen Studieninteresse und verfügbaren Plätzen ist enorm. Für einen zulassungsbeschränkten Zahnmedizin-Studiengang bewerben sich Jahr für Jahr ein Vielfaches mehr Menschen, als Studienanfängerplätze zur Verfügung stehen (Destatis). Die große Mehrheit der Interessierten erhält keinen Studienplatz, was den Kapazitätsengpass im staatlichen Ausbildungssystem unterstreicht.
Demografische Entwicklung und regionaler Versorgungsbedarf
Die Alterung der praktizierenden Zahnärzteschaft erhöht den Druck auf die Ausbildung zusätzlich. Laut KZBV beträgt das durchschnittliche Alter der Zahnärztinnen und Zahnärzte im Jahr 2024 50,4 Jahre. Jedes Jahr scheiden zahlreiche Zahnärztinnen und Zahnärzte altersbedingt aus der vertragszahnärztlichen Versorgung aus (KZBV). Diese demografische Zäsur führt zu drohenden regionalen Versorgungsdisparitäten, insbesondere in strukturschwachen und ländlichen Gebieten, wo die Abwanderung von Fachkräften besonders stark spürbar ist. Zur Lage der Versorgung in einem Flächenland lesen Sie auch unseren Beitrag Zahnmedizinische Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern.
Finanzierungsdruck durch die neue Zahnärztliche Approbationsordnung (ZApprO)
Die 2019 erlassene und seit dem Wintersemester 2021/22 für Studienanfänger geltende Zahnärztliche Approbationsordnung erhöht die Anforderungen an die klinisch-praktische Ausbildung: Kleingruppenbetreuung, moderne Simulations- und Behandlungsplätze sowie intensivere Supervision sind inzwischen verpflichtend. Ohne entsprechende Investitionen der Länder droht ein Rückgang der Ausbildungsqualität. Zahnärztliche Organisationen und Verbände warnen, dass ein fehlender Finanzierungsrahmen die Gefahr einer schleichenden Privatisierung des Studiengangs birgt, weil private Anbieter dann die Lücken füllen würden – häufig zu hohen Studiengebühren.
Qualitätsrisiken privater Studiengänge und soziale Selektion
Private Ausbildungsanbieter machen im Jahr 2022 etwa 2,7 % der Zahnmedizinstudierenden aus (Statistisches Bundesamt). Häufig kooperieren sie mit externen Praxen. Dennoch fehlt vielen privaten Institutionen die wissenschaftlich-medizinische Infrastruktur, die für eine fundierte Lehre, Forschung und klinische Ausbildung nötig ist. Zusätzlich verursachen private Hochschulen häufig fünfstellige Semestergebühren, was die soziale Durchlässigkeit des Berufs gefährdet und dem verfassungsrechtlichen Ziel eines chancengerechten Zugangs widerspricht.
Zentrale Forderungen der zahnärztlichen Verbände an die Landespolitik
Im September 2026 haben elf zahnärztliche Organisationen und Verbände, darunter die Bundeszahnärztekammer, der Medizinische Fakultätentag und die Vereinigung der Hochschullehrer für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, in einer gemeinsamen Stellungnahme den Ausbau öffentlicher Studienplätze gefordert. Ihre Kernpunkte:
- Zahnmedizinische Ausbildung ist staatliche Aufgabe: Sie muss wissenschaftsbasiert, praxisnah, qualitativ hochwertig und sozial gerecht erfolgen.
- National abgestimmte Planung der Studienplatzkapazitäten: Etablierte Hochschulen mit vorhandener Forschungs- und Lehrinfrastruktur sollen schnell auf veränderte Kapazitätsbedarfe reagieren können.
- Ausreichende Finanzierung durch die Länder: Investitionen in Universitätskliniken müssen gesichert sein, um die Anforderungen der ZApprO zu erfüllen.
- Ersatzlose Ergänzung privater Studienplätze: Private Angebote dürfen nur dann gefördert werden, wenn sie tatsächlich zusätzlich und nicht ersatzweise für fehlende staatliche Investitionen geschaffen werden.
- Gleiche Qualitätsstandards für alle Hochschulen: Finanzierungssicherheit, Governance, Personalausstattung, wissenschaftliche Qualifikation des Lehrpersonals, Forschungsanbindung, Qualitätsmonitoring und Krisenvorsorge müssen einheitlich gelten.
Häufig gestellte Fragen
Warum sind die Ausbildungskapazitäten staatlicher Hochschulzahnkliniken so entscheidend?
Weil die klinische Ausbildung der Zahnmedizinstudierenden auf wissenschaftlichen Standards und einer langfristigen Lehr- und Forschungsinfrastruktur basiert – Faktoren, die private Anbieter oft nicht vollständig abdecken können.
Wie viele Zahnärztinnen und Zahnärzte verlassen jährlich die Praxis?
Jedes Jahr scheiden zahlreiche Zahnärztinnen und Zahnärzte aus der vertragszahnärztlichen Versorgung aus, hauptsächlich altersbedingt. Aktuelle Zahlen veröffentlicht die KZBV in ihrem Jahrbuch.
Fazit
Die Kombination aus starkem Bewerbungsüberhang, einer alternden Zahnärzteschaft und steigenden qualitativen Anforderungen durch die neue Approbationsordnung macht den Ausbau staatlicher Ausbildungskapazitäten unverzichtbar. Ohne gesicherte finanzielle Unterstützung der Länder droht nicht nur eine Verschlechterung der Versorgungsqualität, sondern auch eine soziale Selektionsmechanik, die den Zugang zum zahnmedizinischen Beruf einschränkt. Die Forderungen der zahnärztlichen Verbände bieten einen klaren Handlungsrahmen: nationale Kapazitätsplanung, gesicherte Finanzierung, gleichwertige Qualitätsstandards und die klare Abgrenzung zwischen Ergänzung und Ersatz privater Studienplätze. Nur so kann die flächendeckende zahnärztliche Versorgung in Deutschland langfristig gesichert und das hohe Niveau der Zahngesundheit erhalten bleiben.















