Der zahnmedizinische Beruf in Deutschland befindet sich im Wandel: Während fast drei Viertel der Studienanfängerinnen 2024 weiblich sind, spiegelt sich dieser Frauenanteil nur unzureichend in der Praxisinhaberschaft wider. Die Kombination aus hohen Investitionskosten, zeitlichen Überschneidungen mit Lebensphasen und überholten Gründungsstrukturen führt dazu, dass viele Zahnärztinnen den Weg in die Anstellung oder in MVZ-Zentren wählen. Dieser Trend birgt das Risiko einer Schließungswelle älterer Einzelpraxen und damit einer spürbaren Lücke in der flächendeckenden ambulanten Versorgung.
Die aktuelle Geschlechterverteilung im zahnmedizinischen Nachwuchs
- Fast 73,5 % der Studienanfänger im Fach Zahnmedizin waren 2024 Frauen (drei Viertel).
- Im Jahr 2024 legten von 1.801 bestandenen Staatsexamen 1.210 Frauen ab.
- Bei den Promotionen standen 568 Frauen den 280 Männern gegenüber.
- Der Frauenanteil bei allen vertragszahnärztlich tätigen Zahnärzten (Niedergelassene + Angestellte) beträgt 47,5 % (KZBV Jahrbuch 2025).
- Bei den Angestellten Zahnärzten liegt der Frauenanteil bei 64,7 % (KZBV Jahrbuch 2025).
- Bei den Neuniederlassungen liegt der Frauenanteil bei 48 % (InvestMonitor Zahnarztpraxis, IDZ/apoBank 2024).
Die „Leaky Pipeline“ – Von der Studienzeit zur Praxisinhaberschaft
Die Forschung bezeichnet das Phänomen, dass mit jedem Karriereschritt ein Teil der weiblichen Fachkräfte „verlustet“, als „Leaky Pipeline“. Nach Charlotte Glienke (Reinhard-Mohn-Institut) entstehen die Verluste an drei kritischen Stationen:
- Assistenzzeit nach dem Studium
- Bankgespräch bzw. Finanzierungsphase
- Praxisgründung bzw. Erstniederlassung
Jeder dieser Schritte ist für sich plausibel, aber zusammen führen sie zu einer deutlichen Diskrepanz zwischen dem hohen Frauenanteil im Studium und dem niedrigeren Anteil in der Praxisinhaberschaft.
Statistische Evidenz 2024
- Frauenanteil an Neuniederlassungen: 48 % (InvestMonitor Zahnarztpraxis, IDZ/apoBank).
- Frauenanteil bei angestellten Zahnärzten: 64,7 % (KZBV Jahrbuch 2025).
- Frauenanteil an allen vertragszahnärztlich tätigen Zahnärzten: 47,5 % (KZBV Jahrbuch 2025).
Altersbedingte Hürden und Finanzierungsbedarf
- Mehr als 50 % der männlichen Gründer übernehmen oder gründen ihre Praxis vor dem 35. Lebensjahr (IDZ/apoBank 2024).
- Bei den Frauen liegt dieser Anteil bei etwa 30 %; rund 70 % gründen erst ab dem 35. Lebensjahr (IDZ/apoBank 2024).
- Das durchschnittliche Investitionsvolumen für die Übernahme einer Einzelpraxis beträgt 450.000 EUR inkl. Kaufpreis, Modernisierung und Betriebsmittel (InvestMonitor Zahnarztpraxis 2024).
Die Kombination aus späten Niederlassungszeitpunkten und einem hohen Kapitalbedarf führt häufig zu einer Kollision mit familiären Planungen („Bankgespräch“, „Familienplanung“).
Auswirkungen auf die flächendeckende Versorgung
- Die Gesamtzahl der Zahnarztpraxen in Deutschland sank von 43.864 im Jahr 2013 auf 38.282 im Jahr 2023 (KZBV-Statistik).
- Ein Rückgang von über 12 % innerhalb eines Jahrzehntes erhöht den Druck auf ländliche Regionen, da Nachfolger fehlen.
- Fehlende Modelle wie Job-Sharing, kooperative Praxisformen oder Teilzeit-Niederlassungen verstärken die Konzentration auf Ballungsräume und investorengetragene MVZ-Zentren.
Strukturelle Ursachen: Second-Generation Gender Bias und Role Congruity Theory
Glienke erläutert zwei Konzepte aus der Organisationsforschung, die die beobachteten Muster erklären:
- Second-Generation Gender Bias: Benachteiligungen, die nicht offen ausgesprochen werden, sondern in Strukturen und Abläufen verankert sind. Prozesse wirken für alle gleich, profitieren jedoch nicht gleichberechtigt.
- Role Congruity Theory: Der Konflikt zwischen traditionellen Geschlechterrollen (Ausgleich) und den Anforderungen einer Führungsposition (Durchsetzung). Frauen sehen sich häufig einem Rollenkonflikt gegenüber, wenn sie Führungsaufgaben übernehmen wollen.
Beide Mechanismen sind historisch gewachsen und führen dazu, dass die bestehenden Strukturen nicht mehr zur demografischen Realität passen.
Gegenmaßnahmen und aktuelle Initiativen
- Das BFS-Projekt „Zahnmedizin. Sichtbar weiblich.“ bietet Whitepaper, Checklisten und eine dreiteilige Online-Event-Reihe „Leadership Lab“ mit Charlotte Glienke, beginnend am 29. Oktober 2026.
- Die Initiative zielt darauf ab, Erfahrungs- und Wissenslücken zu schließen und praxisnahe Lösungen für Gründerinnen zu präsentieren.
- Durch gezielte Sichtbarmachung von Barrieren sollen strukturelle Anpassungen – etwa flexible Niederlassungsmodelle – angestoßen werden.
Fazit
Die Zahlen zeigen eindeutig: Trotz eines Frauenanteils von fast 70 % im zahnmedizinischen Nachwuchs bleibt die Praxisinhaberschaft weiblich unterrepräsentiert (48 %). Altersbedingte Verzögerungen bei der Niederlassung und ein durchschnittliches Investitionsvolumen von 450.000 EUR erschweren den Eintritt in die Selbstständigkeit zusätzlich. Der Rückgang der Praxisstandorte um mehr als 5.500 seit 2013 verstärkt das Versorgungsrisiko, insbesondere in ländlichen Regionen. Strukturelle Barrieren, die aus Second-Generation Gender Bias und Rollenkonflikten resultieren, sind die treibenden Kräfte hinter der „Leaky Pipeline“. Ohne zeitgemäße Niederlassungsmodelle und gezielte Förderprogramme droht eine Schließungswelle von Einzelpraxen und ein langfristiges Versorgungsdefizit. Die derzeitigen Initiativen von BFS und weitere Forschungsergebnisse liefern jedoch Ansatzpunkte, um die Branche zukunftsfähig und geschlechtergerecht zu gestalten.

