Bei zahnärztlichen Eingriffen mit rotierenden oder oszillierenden Instrumenten entstehen kontaminierte Spraynebel, die Krankheitserreger über mehrere Meter in den Behandlungsraum transportieren können. Die Gefahr wird durch Rückfluss kontaminierter Flüssigkeiten verstärkt, wenn die Absaugkanüle blockiert ist. Aus diesen Gründen ist ein zuverlässiges Hochvolumen-Absaugsystem ein zentraler Baustein des Infektionsschutzes. Im Folgenden wird dargestellt, welche technischen Parameter und praktischen Maßnahmen nötig sind, um Aerosole wirksam zu eliminieren und den Reflux-Effekt zu verhindern.
Warum Aerosole in der Zahnarztpraxis ein Infektionsrisiko darstellen
Dentalinstrumente erzeugen Sprühnebel, der Partikel im Bereich von 5-50 µm enthalten kann. Diese Partikel bleiben in der Luft hangen und können sowohl über die Atemluft als auch über kontaminierte Oberflächen übertragen werden. Das Robert-Koch-Institut (KRINKO) warnt in seiner Empfehlung “Infektionsprävention in der Zahnheilkunde” (Kapitel 5.2) ausdrücklich vor dem Rückfluss kontaminierter Flüssigkeiten, wenn die Absaugkanüle blockiert ist. Ohne wirksame Absaugung gelangen diese Aerosole in die Raumluft und erhöhen das Infektionsrisiko für das Praxisteam und die Patienten.
Hochvolumige Absaugung – Mindest-Volumenstrom und Kanülentechnik
Technische Mindestanforderungen
Fachgesellschaften und wissenschaftliche Strömungsstudien fordern einen Mindest-Volumenstrom von 250 bis 300 Liter Luft pro Minute (l/min) an der Kanülenspitze, um Spraynebel zuverlässig zu entfernen. Diese Vorgabe ist in der S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) (2021) verankert.
- Kanülendurchmesser: 16 mm
- Seitliche Lufteinlässe: sorgen für kontinuierlichen Sog, auch bei blockierter Spitze
- Optimierte Formgebung: maximiert das Saugvolumen
Die Kombination aus 16-mm-Durchmesser und Nebenluft-Einlässen reduziert Aerosole nachweislich um fast 100 % – ein Ergebnis einer internen Studie von Dürr Dental aus dem September 2020.
Evidenz aus Studien und Leitlinien
Eine experimentelle Messung, veröffentlicht in PLOS ONE 2021, zeigte, dass bei einer Strömungsrate von ≥ 300 l/min die Partikelanzahl im Bereich 5-50 µm nahezu 100 % reduziert wird. Unter 160 l/min dagegen bleibt ein signifikanter Teil des mikrobiell kontaminierten Sprühnebels im Raum.
Die KRINKO-Empfehlung (2006) definiert zudem die Gefahr des Reflux-Effekts bei blockierten Kanülen und verlangt ein Durchspülen der Schläuche für mindestens 20 Sekunden nach jeder Behandlung.
Praktische Umsetzung – Wartung, Spülroutinen und Ergonomie
Regelmäßige Spül- und Reinigungszyklen
Ablagerungen von Blut, Speichel und Polierpulvern verengen die Rohrquerschnitte und senken den Unterdruck. Das KRINKO empfiehlt, das Absaugsystem nach jeder Behandlung für mindestens 20 Sekunden mit einem Wasser-Luft-Gemisch durchzuspülen, um Biofilmbildung und Kreuzkontamination zu verhindern.
Ergonomische Handhabung des Saugschlauchs
Eine falsche Haltung des Saugschlauchs kann zu Reflux führen, weil kontaminierte Flüssigkeit durch Schwerkraft zurück in die Mundhöhle gesogen wird. Die KRINKO-Richtlinie betont daher die Bedeutung einer korrekten Positionierung des Schlauchs unterhalb des Patienten. Zusätzlich helfen ergonomische Schulungen, Haltungsschäden im Praxisteam zu vermeiden, die wiederum die konsequente Anwendung der Absaugtechnik unterstützen.
- Schlauch sollte während der Behandlung stets tief unterhalb des Patienten geführt werden.
- Regelmäßige Ergonomie-Schulungen stärken das Bewusstsein für korrekte Haltung.
Risiken und Gegenmaßnahmen bei zu hohen Strömungsraten
Ein Volumenstrom von 300 l/min kann Lärmemissionen erzeugen und bei nicht optimal gestalteten Nebenluft-Einlässen das Risiko von Weichgewebstraumata erhöhen. Zudem kann bei älteren Praxisinstallationen mit mehreren parallel betriebenen Stühlen ein Querschnittsengpass die gewünschte Strömungsrate an entfernteren Einheiten reduzieren. Eine regelmäßige Überprüfung des Gesamtsystems und ggf. bauliche Anpassungen (z. B. größere Leitungen) sind deshalb empfehlenswert.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie viel Liter Saugleistung pro Minute sind für den Schutz vor dentalen Aerosolen vorgeschrieben?
Wissenschaftliche Untersuchungen und zahnärztliche Fachgesellschaften empfehlen einen Saugluftstrom von mindestens 250 bis 300 Liter pro Minute an der Kanülenspitze, um Spraynebel direkt am Entstehungsort verlässlich abzufangen.
Warum schützt ein Speichelsauger allein nicht vor Aerosolen und Reflux?
Speichelsauger besitzen Durchmesser unter 6 mm, was zu einem zu geringen Volumenstrom führt. Zudem blockieren festsitzende Schleimhäute sofort den Einlass, und fehlende Nebenluft-Einlässe ermöglichen einen Rückfluss kontaminierten Saugschlauchsekrets.
Fazit
Die effektive Prävention von Aerosolen und dem Reflux-Effekt in der Zahnarztpraxis beruht auf einer Kombination aus technischer Präzision und praktischer Hygiene. Eine 16-mm-Kanüle mit seitlichen Lufteinlässen, ein garantierter Mindest-Volumenstrom von 250-300 l/min und konsequente Spül- sowie Wartungsroutinen bilden die Grundlage für einen zuverlässigen Infektionsschutz. Ergänzend müssen ergonomische Handhabung und regelmäßige Systemkontrollen sicherstellen, dass die geforderte Saugleistung dauerhaft erreicht wird. So wird das unsichtbare Risiko von aerosolübertragbaren Erregern wirksam reduziert und die Sicherheit von Patienten und Praxisteam nachhaltig erhöht.















