Die Multi-Slice-Echtzeit-MRT eröffnet ein völlig neues Bild der Kiefergelenkfunktion. Sie widerlegt das seit Jahrzehnten geltende Lehrbuchmodell einer isolierten Scharnierachse, quantifiziert pathologische Bewegungsmuster bei Diskusverlagerungen ohne Strahlenbelastung und legt damit den Grundstein für individualisierte Funktionstherapien.
Funktionsweise der Multi-Slice-Echtzeit-MRT
Die methodische Innovation beruht auf radialen FLASH-Sequenzen, die mit einer nichtlinearen iterativen Bildrekonstruktion kombiniert werden – eine Technologie, die am Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften Göttingen entwickelt wurde. In einem 3-Tesla-System wird eine dedizierte 15-Kanal-Kieferspule eingesetzt, sodass beide Kiefergelenke simultan erfasst werden.
- Zeitliche Bildauflösung: 55,6 ms pro Bilddatensatz (ca. 18 Bilder/Sekunde)
- Räumliche In-Plane-Auflösung: 0,5 × 0,5 mm (Sagittal-Schichtführung)
- Magnetfeldstärke: 3,0 Tesla
- Empfängerspulen-Konfiguration: 15 Kanäle
Durch diese Parameter werden Bewegungsartefakte minimiert und reale, unregelmäßige Kautakte können live visualisiert werden – im Gegensatz zu statischen „Open/Close“-MRTs oder periodisch wiederholten Ciné-MRT-Sequenzen.
Erkenntnisse zur Kiefergelenkkinematik
Rotation und Translation bereits bei initialer Mundöffnung gekoppelt
Die Untersuchung von 86 asymptomatischen Kiefergelenken (Vorläufer-Kohorte, Jahr 2025) mittels instantaner Rotationszentren (ICR) zeigte, dass Dreh- und Gleitbewegungen ab dem ersten Millimeter synchron ablaufen. Die klassische Annahme einer reinen Rotationsbewegung um eine stationäre Scharnierachse wird damit widerlegt.
Bilaterale Bildgebung und asymmetrische Balanceseite
Die Multi-Slice-Echtzeit-MRT ermöglicht die gleichzeitige Aufnahme beider Gelenke während einer kau-funktionellen Belastung (z. B. Karotte, Karamell). Bei unilateralem Kauen zeigte sich eine funktionelle Asymmetrie: Auf der Balanceseite traten größere Vorwärtsbewegungen auf als auf der Arbeitsseite. Bei einer Diskusverlagerung ohne Reposition verschob sich die Kinematik primär auf der gesunden Balanceseite.
Die biomechanischen Resultate der Forschungsgruppe um Paddenberg-Schubert und Krohn berühren ein zentrales Fundament der rekonstruktiven Zahnheilkunde: das Konzept der terminalen Scharnierachse. Über Jahrzehnte hinweg ging die Lehrmeinung davon aus, dass der Unterkiefer zu Beginn der Mundöffnung eine reine Rotationsbewegung um eine ortsfeste Achse vollführt, bevor eine Translation nach anterior-kaudal einsetzt. Die Auswertung der instantanen Rotationszentren (ICR) belegt demgegenüber, dass Kondylus und Diskus bereits im ersten Bewegungssegment eine koordinierte Drehung und Gleitung vollziehen. Die Drehachse ist somit kein anatomisch fixer Punkt, sondern eine dynamisch wandernde Trajektorie (Krohn et al. 2025).
Ermöglicht wurde dieser messtechnische Durchbruch durch die Adaption hochauflösender FLASH-Echtzeit-MRT-Sequenzen, die ursprünglich am Göttinger Max-Planck-Institut entwickelt wurden. Mit einer Akquisitionszeit von rund 55 Millisekunden pro Bilddatensatz bei einer In-Plane-Auflösung von 0,5 × 0,5 mm erfasst das 3-Tesla-System beide Kiefergelenke simultan. Während Probanden standardisierte Nahrungskörper wie Karotten oder Karamell zerkleinern, visualisiert das System das Zusammenspiel von Fossa, Diskus und Kondylus ohne Verzögerung oder stroboskopische Mittelung.
Klinische Implikationen und zukünftige Anwendungen
Die neuen Erkenntnisse eröffnen mehrere Perspektiven für die Diagnostik craniomandibulärer Dysfunktionen (CMD):
- Frühzeitige objektive Erkennung pathologischer Diskuspositionen ohne ionisierende Strahlung.
- Quantitative Analyse von Rotations-/Translations-Verhältnissen als biometrischer Marker.
- Entwicklung eines biomechanischen Korridors, in dem physiologische Kieferbewegungen liegen, um Abweichungen klar zu definieren.
- Ergänzung bestehender Bildgebungsmodalitäten (DVT, statische MRT) bei therapieresistenten CMD-Fällen.
Langfristig soll ein Referenzkorridor entstehen, der funktionelle Störungen differenzierter objektiviert als es mit statischen Schichtbildern möglich ist.
Auszeichnungen und wissenschaftliche Rezeption
Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) verlieh am 18. September 2026 in Wernigerode den Deutschen Millerpreis 2026 an das interdisziplinäre Forscherteam um PD Dr. Eva Paddenberg-Schubert, Dr. Sebastian Krohn und Prof. em. Dr. Dietmar Kubein-Meesenburg. Die Preisvergabe würdigte die erstmalige Visualisierung beider Kiefergelenke unter kau-funktioneller Belastung mit hoher zeitlicher und räumlicher Auflösung. Der offizielle Bericht in „zm-online“ (22. September 2026) betont die Innovationskraft der Methode und die potenzielle klinische Relevanz.
FAQ – häufige Fragen
- Warum galt in der Zahnmedizin bisher die Annahme einer isolierten Drehbewegung bei Mundöffnung? Klassische Artikulatorkonzepte und Registrierungen basierten auf mechanischen Annahmen aus dem 20. Jahrhundert (terminale Scharnierachse). Statische Aufnahmen konnten die kontinuierliche Vorwärtsgleitbewegung des Kondylus in den ersten Millimetern der Öffnung messtechnisch nicht auflösen.
- Welchen diagnostischen Vorteil bietet das Verfahren gegenüber DVT oder Ciné-MRT? Im Gegensatz zur Digitalen Volumentomographie (DVT) verzichtet die MRT vollständig auf ionisierende Strahlung und stellt den Knorpeldiskus direkt dar. Gegenüber älteren Ciné-MRT-Verfahren erfordert die Multi-Slice-Echtzeit-MRT keine periodisch wiederholten Pseudobewegungen, sondern erfasst reale, unregelmäßige Kautakte live.
Fazit
Die Multi-Slice-Echtzeit-MRT hat die funktionelle Kiefergelenkkinematik grundlegend neu definiert. Rotation und Translation sind bereits beim allerersten Öffnungs-Millimeter gekoppelt, die vermeintliche feste Scharnierachse existiert nicht – stattdessen wandern die instantanen Rotationszentren kontinuierlich. Durch die bilaterale, hochauflösende Bildgebung lassen sich pathologische Diskusverlagerungen präzise quantifizieren, ohne Strahlenbelastung. Trotz eingeschränkter Verfügbarkeit in der klinischen Routine liefert das Verfahren einen klaren biomechanischen und funktionstheoretischen Hintergrund, der das klassische prothetische Konzept der terminalen Scharnierachse grundlegend hinterfragt und den Weg für individualisierte, funktionelle Therapien ebnet.

