Zusammenhang zwischen orofazialer Kaufunktion, prothetischer Versorgung und Mangelernährung bei geriatrischen Patientinnen und Patienten

auf einem holztisch stehen ein teller mit weicher kost ein apfel ein glas wasser und eine zahnprothese dazu besteck und eine serviette; im hintergrund sind eine pflanze und eine obstschale zu sehen

Im Alter nimmt die Kaufunktion zunehmend Einfluss auf die allgemeine Gesundheit. Ein geschwächtes Immunsystem, ein erhöhtes Sturz- und Mortalitätsrisiko sowie enorme Kosten für das Gesundheitssystem sind direkte Folgen von Mangelernährung. Zahnmedizinische Funktionstests und interdisziplinäre Versorgungsansätze bieten konkrete Hebel zur Früherkennung und Prävention. Der folgende Beitrag fasst aktuelle epidemiologische Daten, Leitlinienempfehlungen und praxisnahe Handlungsmöglichkeiten zusammen.

Epidemiologischer Wandel der Zahnbesorgung im Alter

Die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6) liefert aktuelle Zahlen zur Zahngesundheit älterer Menschen in Deutschland:

  • Vollständige Zahnlosigkeit bei 65- bis 74-Jährigen: 5,0 % (2025) – ein Rückgang von 12,4 % gegenüber DMS V (2014).
  • Durchschnittlich fehlende Zähne bei dieser Altersgruppe: 8,6 Zähne.
  • Prävalenz schwerer Parodontitis (Stadium III/IV) bei 65- bis 74-Jährigen: 52,7 % (2025).

Diese Zahlen verdeutlichen, dass trotz sinkender Zahnlosigkeit die Belastung durch parodontal geschwächte Restgebisse und die Notwendigkeit von Wurzelkariesprävention weiterhin hoch sind.

Kaukraft, Kaueffizienz und prothetische Versorgung

Studien zeigen klare Unterschiede zwischen natürlicher Zahnsubstanz und verschiedenen Prothesenformen:

  • Träger von Totalprothesen erreichen im Vergleich zu vollbezahnten Personen durchschnittlich nur etwa ein Sechstel der Kaukraft.
  • Eine rein prothetische Wiederherstellung der Kaufunktion führt im Alltag nicht automatisch zu einer Verbesserung des Ernährungsstatus.
  • Der Vergleich verschiedener prothetischer Versorgungsformen ergab keine signifikanten Unterschiede in der Kaukraft, etwa zwischen teilbezahnten Personen mit oder ohne herausnehmbaren Zahnersatz.

Der Verlust von Kaukraft kann zu einer erhöhten Vermeidung fester, nährstoffreicher Nahrung führen und damit das Risiko von Mangelernährung erhöhen.

Kaufunktion wiederherstellen, aber wie?

Die ernüchternde Erkenntnis, dass mechanische Gebisssanierungen systemische Ernährungsdefizite nicht von allein heilen, deckt sich mit gerodontologischen Verlaufsbeobachtungen zum sogenannten „Food-Choice-Dilemma“. Haben Betroffene über Monate oder Jahre hinweg faserreiche Nahrungsmittel wie Vollkornbrot, rohes Gemüse oder mageres Fleisch durch leicht kaubare, kohlenhydrat- und fettreiche Weichkost substituiert, bleibt dieses Ernährungsmuster kognitiv und gewohnheitsmäßig verankert. Eine rein funktionelle Rehabilitation der Okklusionsflächen verpufft im metabolischen Sinne, wenn sie nicht durch eine strukturierte, interprofessionelle Ernährungsintervention begleitet wird (Schimmel et al. 2023).

Mangelernährung bei geriatrischen Patienten – Ausmaß und Folgen

Die S3-Leitlinie „Klinische Ernährung und Hydrierung im Alter“ der DGEM definiert 69 evidenzbasierte Empfehlungen und betont die hohe Prävalenz von Malnutrition:

  • Bis zu 25 % der Bewohner deutscher Alten- und Pflegeheime sind manifest mangelernährt (NutritionDay-Daten, 2020).
  • In Akut- und Rehakliniken sowie Pflegeheimen sind erhebliche Anteile älterer Menschen von Mangelernährung betroffen oder bedroht.
  • Jährliche stationäre Mehrkosten durch Mangelernährung werden auf 8,6 Mrd. Euro (2024) geschätzt.

Die gesundheitlichen Konsequenzen umfassen Verlust von Muskelkraft, eingeschränkte Mobilität, erhöhtes Sturz- und Frakturrisiko, verzögerte Wundheilung, häufigere Infektionen und verlängerte Hospitalisierungs- und Rehabilitationszeiten.

Ernährungsempfehlungen und Leitlinien für Senioren

Die DGEM-S3-Leitlinie gibt klare Richtwerte für die Proteinzufuhr:

  • Gesunde ältere Menschen: 1,0 – 1,2 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag.
  • Bei Frailty, Sarkopenie oder akuten/chronischen Erkrankungen: > 1,2 g/kg Körpergewicht kombiniert mit körperlicher Aktivität.

Weitere kritische Nährstoffe sind Vitamin D, Kalzium, Vitamin B12, Folsäure, Eisen, Zink und Magnesium. Bei Vitamin-D-Mangel wird ein Serumspiegel von > 50 nmol/l angestrebt, wobei tägliche niedrige Dosen bevorzugt werden.

Kaufunktionstests – Praxisnahe Instrumente

Verschiedene Testverfahren ermöglichen die objektive Erfassung von Kaukraft, Kaueffizienz und Kaufähigkeit:

  • Mini-Dental-Assessment (MDA) – Karottentest: 2 × 1 cm Karottenstück 45 Sekunden kauen, Bolus zerkleinern und mit Vergleichsbildern bewerten.
  • Kaugummitest (Zweifarbmischtest) – 20 Kauzyklen mit zwei unterschiedlich gefärbten Kaugummis, anschließend Farbton und Form des Plättchens vergleichen (Skala SA1-SA5).

Die Tests können von zahnärztlichem Personal, Pflegekräften oder Angehörigen durchgeführt werden und liefern wichtige Hinweise für eine weiterführende zahnärztliche oder ernährungsmedizinische Intervention.

Interpretation der Testergebnisse

Ein deutlich unterhalb der Referenzwerte liegende Kaukraft sollte Anlass geben, die Ursachen (z. B. Prothesenpassung, parodontale Situation) zu prüfen und gleichzeitig das Ernährungsprofil zu analysieren. Der Vergleich mit etablierten Normwerten kann im Praxisalltag helfen, frühzeitig Mangelernährung zu verhindern.

Interdisziplinäre Versorgung – Warum sie unverzichtbar ist

Die Kombination aus zahnärztlicher Rehabilitation, gezielter Ernährungsberatung und logopädischen Übungen ist entscheidend, um das volle Potenzial einer verbesserten Kaufunktion auszuschöpfen:

  • Ernährungspsychologische Hürden („Food-Choice-Dilemma“): 41 % der Pflegeheimbewohner vermeiden bestimmte Nahrungsmittel wegen Kauschwierigkeiten.
  • Logopädische Übungen können die Kaukraft nachhaltig erhöhen, erfordern jedoch Ausdauer ähnlich einem Muskeltraining.
  • Fehlende personelle und logopädische Ressourcen in stationären Einrichtungen erschweren die Umsetzung standardisierter Tests und Interventionen.

Ein strukturierter, interprofessioneller Ansatz, der Zahnmedizin, Ernährungsmedizin und Logopädie integriert, erhöht die Chance, dass die wiedergewonnene Kaufunktion tatsächlich zu einer verbesserten Nährstoffaufnahme führt.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum verändert eine neue Prothese die Ernährungsgewohnheiten von Senioren oft nicht?Ältere Menschen behalten jahrelang antrainierte Vermeidungsstrategien (Präferenz für weiche, verarbeitete und energiereiche Kost) unbewusst bei. Eine rein mechanische Wiederherstellung der Kaukraft muss daher mit gezielter Ernährungstherapie und kognitiver Begleitung kombiniert werden.Was unterscheidet Kaukraft von Kaueffizienz?Kaukraft bezeichnet die maximale Kraft, die von den Kaumuskeln zwischen den Zahnreihen aufgebracht werden kann (in Newton). Kaueffizienz bzw. Kauleistung misst das funktionelle Ergebnis, also wie gründlich und homogen eine definierte Testnahrung (z. B. Karotte oder zweifarbiger Kaugummi) in einer vorgegebenen Zahl von Zyklen zerkleinert und gemischt wird.Welche Proteinmenge empfiehlt die Leitlinie für vulnerable Ältere?Laut der DGEM-S3-Leitlinie sollten gesunde Ältere täglich 1,0 – 1,2 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht aufnehmen. Bei akuten/chronischen Erkrankungen, Sarkopenie oder Frailty steigt der empfohlene Bedarf auf über 1,2 g/kg Körpergewicht, kombiniert mit körperlicher Aktivität.

Fazit

Der demografische Wandel führt zu einer wachsenden Zahl älterer Menschen mit komplexen orofazialen Herausforderungen. Trotz sinkender Zahnlosigkeit bleibt die Kaufunktion ein entscheidender Faktor für die Vermeidung von Mangelernährung und Sarkopenie. Die aktuelle Evidenz zeigt, dass reine prothetische Maßnahmen allein nicht ausreichen – sie müssen durch gezielte Ernährungsberatung, logopädische Unterstützung und regelmäßige Kaufunktionstests ergänzt werden. Die DGEM-S3-Leitlinie liefert klare Handlungsrahmen, insbesondere hinsichtlich der Proteinzufuhr und des interdisziplinären Monitorings. Durch die konsequente Anwendung von Tests wie dem Mini-Dental-Assessment und dem Zweifarb-Kaugummitest können Zahnärzte, Pflegekräfte und Ernährungsmediziner gemeinsam frühzeitig Defizite erkennen und Gegenmaßnahmen einleiten. Nur so lässt sich die „Pandora-Box“ der Mangelernährung im Alter wirksam schließen.