Zum 32. Mal wurde der Wrigley Prophylaxe Preis verliehen und drei herausragende Projekte ausgezeichnet, die die Mundgesundheit von Menschen adressieren, die aufgrund von Autoimmunerkrankungen, Pflegebedürftigkeit oder Fluchterfahrung besonders gefährdet sind. Die Verleihung unterstreicht, dass vulnerabile Bevölkerungsgruppen überproportional häufig von Karies, Parodontitis und Hyposalivation betroffen sind und dass interdisziplinäre Forschung sowie praxisnahe Vermittlungskonzepte entscheidende Versorgungslücken schließen können.
Warum vulnerable Gruppen besondere zahnmedizinische Versorgung benötigen
Aktuelle epidemiologische Daten zeigen, dass verschiedene Risikofaktoren das orale Gesundheitsprofil von besonders schutzbedürftigen Personen negativ beeinflussen.
- Prävalenz des primären Sjögren-Syndroms: ca. 0,1 % bis 0,4 % (2024); Frauen etwa neun-mal häufiger betroffen.
- Neuro-Sjögren-Manifestationen: 10 % bis 20 % der Betroffenen zeigen neurologische Beteiligungen (2022).
- Mehr als 5 Millionen Menschen in Deutschland sind 2024 pflegebedürftig (Statistisches Bundesamt).
- Zahnlosigkeit bei jüngeren Senioren (65-74 Jahre) sank von 12,4 % (DMS V 2014) auf 5,0 % (DMS 6 2025).
- Bei Eintritt von Pflegebedürftigkeit steigt das Risiko akuter Zahnschäden sprunghaft, weil die manuelle Mundhygiene häufig kollabiert.
Diese Zahlen verdeutlichen, dass sowohl die autoimmunvermittelte Hyposalivation als auch die eingeschränkte Selbst- und Fremdhygiene in der Pflege zu einer rapiden Zunahme von Glattflächen- und Wurzelkaries sowie Mukosainfektionen führen.
Neuro-Sjögren-Syndrom und Mundtrockenheit
Das Sjögren-Syndrom zerstört exokrine Drüsen, wodurch ein schwerer Speichelmangel entsteht. Ohne den natürlichen Speichelschutz verlieren die Zähne ihre Pufferkapazität gegen Säuren und die kontinuierliche Selbstreinigung, was zu einer erhöhten Anfälligkeit für Karies und Infektionen führt. Die Pionierstudie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat erstmals systematisch die Mundgesundheit von Menschen mit Neuro-Sjögren untersucht und damit die Grundlage für gezielte zahnmedizinische Interventionen geschaffen.
Mundgesundheit in der Pflege
Die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6) belegt, dass Senioren heute länger eigene Zähne behalten, jedoch bei Pflegebedürftigkeit die Mundhygiene häufig abbricht. Die Plattform mund-pflege e.V. bietet kostenfreie, wissenschaftlich geprüfte Schritt-für-Schritt-Anleitungen und 3D-Pflegeszenen, um Pflegekräften und Angehörigen konkrete Hilfestellungen bei der Zahn-, Mund- und Zahnersatzpflege zu geben.
Fluchterfahrung und mehrsprachige Lernvideos
Ein weiteres prämiertes Projekt entwickelte ein mehrsprachiges Lernvideo zur Mundpflege, das speziell für Menschen in Flüchtlingsunterkünften konzipiert wurde. Die Auswertung dieses Materials durch das Team von Jun.-Prof. Dr. Anna-Lena Hillebrecht (Universitätsklinikum Freiburg) zeigt, dass sprachlich angepasste Aufklärung die Mundhygiene in dieser besonders vulnerablen Gruppe signifikant verbessern kann.
Ausgezeichnete Projekte des 32. Wrigley Prophylaxe Preises
- Wissenschaft – 1. Platz (4.500 €): Prof. Dr. Ingmar Staufenbiel und Prof. Dr. Anne-Katrin Lührs (MHH) – systematische Untersuchung der Mundgesundheit bei Neuro-Sjögren-Patienten.
- Praxis & Gesellschaft – 1. Platz (4.500 €): Dr. Elmar Ludwig (Ulm) und Prof. Dr. Dr. Greta Barbe (Köln) – Online-Plattform mund-pflege e.V. zur Unterstützung pflegebedürftiger Menschen.
- Wissenschaft – 2. Platz (3.000 €): Jun.-Prof. Dr. Anna-Lena Hillebrecht und Team (Freiburg) – mehrsprachiges Lernvideo für Flüchtlinge.
Die Gesamtdotierung des Preises beträgt 12.000 EUR (2026, Quelle S1). Die Preisvergabe erfolgt durch eine unabhängige Jury aus renommierten Zahnmedizinern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, geleitet vom Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ).
Evidenzbasierte Präventionsstrategien – Rolle der AWMF-Leitlinie 083-021
Die im Jahr 2025 hochgestufte S3-Leitlinie der AWMF (Registernummer 083-021) definiert ein abgestimmtes Bündel aus mechanischem Biofilmmanagement, Fluoridierung, Ernährungsberatung und speichestimulierenden Maßnahmen. Über 1.100 Publikationen wurden ausgewertet, um die Wirksamkeit folgender Maßnahmen zu belegen:
- Mechanische Entfernung von Zahnbelag durch regelmäßiges Zähneputzen.
- Fluoridanwendung zur Remineralisierung des Zahnschmelzes.
- Ernährungsberatung zur Reduktion von Zuckerexposition.
- Speichelanregende Maßnahmen – insbesondere das Kauen von zuckerfreiem Kaugummi nach Mahlzeiten – als Ergänzung, sofern funktionierendes Drüsengewebe vorhanden ist.
Die Leitlinie ist als S3-Leitlinie die höchste methodische Entwicklungsstufe im deutschen Leitlinienregister (2025, gültig bis 2030).
Kaugummi als Kariespräventionsmaßnahme – Chancen und Grenzen
Der wissenschaftliche Nachweis, dass das regelmäßige Kauen von zuckerfreiem Kaugummi den Speichelfluss stimuliert und damit zur Kariesvorbeugung beiträgt, ist in der AWMF-Leitlinie verankert. Dennoch gibt es wichtige Gegenpunkte:
- Neurologische Ausfälle und Dysphagie: Bei schweren neurologischen Defiziten oder Schluckstörungen ist Kaugummikauen kontraindiziert, weil Aspirationsgefahr besteht und die stimulierende Wirkung nur bei funktionierendem Restdrüsengewebe wirksam ist.
- Transparenz der Preisfinanzierung: Der Preis wird vom Wrigley Oral Health Program (Mars-Konzern) finanziert. Eine klare journalistische Einordnung der Jury-Unabhängigkeit und der evidenzbasierten Leitlinienbasis ist für die Glaubwürdigkeit entscheidend.
FAQ zur Mundgesundheit vulnerabler Gruppen
Warum führt Mundtrockenheit bei Neuro-Sjögren zu vermehrtem Kariesbefall?Speichel neutralisiert zahnschädigende Säuren, remineralisiert den Schmelz mit Kalzium und Phosphat und spült Speisereste mechanisch weg. Fehlt dieser Schutzfilm, können Kariesbakterien Zahnschmelz und freiliegendes Dentin ungehindert angreifen.Was leistet das prämierte Projekt „mund-pflege e.V.“ in der Praxis?Die Plattform bündelt kostenfreie, wissenschaftlich geprüfte Schritt-für-Schritt-Anleitungen und 3D-Pflegeszenen, die Pflegekräften und pflegenden Angehörigen konkrete Hilfestellungen bei der Zahn-, Mund- und Zahnersatzpflege bieten.Wie bewertet die aktuelle Leitlinie zuckerfreien Kaugummi?In der AWMF-S3-Leitlinie 083-021 wird das Kauen von zuckerfreiem Kaugummi nach Mahlzeiten als sinnvolle Ergänzung empfohlen, da es den Speichelfluss anregt und den Plaque-pH-Wert schneller anhebt – es ersetzt jedoch nicht das Zähneputzen mit Fluorid.
Fazit
Der 32. Wrigley Prophylaxe Preis 2026 hebt exemplarisch hervor, wie gezielte Forschung, digitale Aufklärung und evidenzbasierte Leitlinien zusammenwirken, um die Mundgesundheit von vulnerablen Bevölkerungsgruppen zu verbessern. Die prämierten Projekte schließen wesentliche Versorgungslücken – von der systematischen Untersuchung der Mundtrockenheit bei Neuro-Sjögren über praxisnahe Plattformen für pflegebedürftige Menschen bis hin zu mehrsprachigen Lernvideos für Geflüchtete. Durch die Verankerung speichelstimulierender Maßnahmen wie zuckerfreiem Kaugummi in der AWMF-S3-Leitlinie wird ein weiterer Baustein für die Kariesprävention gesetzt, gleichzeitig werden Grenzen und ethische Transparenz klar benannt. Damit liefert die Preisverleihung nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch ein starkes Signal für interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Notwendigkeit, orale Gesundheitsversorgung für alle Menschen zugänglich und wirksam zu gestalten.

