Praxisnahe Totalprothetik: Kooperation von Candulor, SSOP und Universität Marburg seit 2010

zahnmedizinische schaufensterpuppe und verschiedene zahnmedizinische werkzeuge auf einem tisch umgeben von zahnabdrücken einem ipad das zähne anzeigt einem messschieber und einem notebook in einer klinischen umgebung

Seit 2010 arbeiten Candulor, die Swiss School of Prosthetics (SSOP) und die Universität Marburg eng zusammen, um Zahnmedizin-Studierenden eine praxisorientierte Ausbildung in Totalprothetik nach dem Gerber-Konzept zu ermöglichen. Das einzigartige „Setup Kurs nach dem Gerber-Konzept mit Live-Patienten-Demo“ kombiniert theoretische Grundlagen, detaillierte Modellanalysen und direkte Patientenbeobachtungen. Damit wird die anspruchsvolle Versorgung edentuler Patienten nicht nur erklärt, sondern aktiv erlebbar gemacht – ein entscheidender Baustein für kompetente zukünftige Zahnärzte und funktionierende Labor-Praxis-Kooperationen.

Kooperation und Kursmodell – ein Überblick

  • Partner: Candulor, SSOP und Universität Marburg
  • Start: Erster Kurs im Jahr 2010, kontinuierliche Weiterentwicklung
  • Kursname: „Setup Kurs nach dem Gerber-Konzept mit Live-Patienten-Demo von A-Z“
  • Dauer: Zweitägiger Zusatzkurs im achten Semester
  • Inhalte: Modellanalyse, Stützstiftregistrat, Gotischer Bogen, physiologische Zentrik, Live-Patienten-Demonstration
  • Leitung: Dr. Daniel Weber, Dr. Holger Gloerfeld (Universität Marburg) und Prothetik-Experte Meinrad Meier (Candulor)
  • Verwaltungsrätin von Candulor: Claudia Schenkel-Thiel, früher Regionalleiterin des medizinischen Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Marburg

Das Gerber-Konzept: Grundlagen und Prinzipien

Condylare Theorie und lingualisierte Okklusion

Die Condylar-Theorie von Prof. Dr. Albert Gerber definiert eine lingualisierte, bilateral balancierte Okklusion mit Zahn-zu-Zahn-Kontakten. Dabei werden die seitlichen Zähne nach dem DeltaForm®-Prinzip im umgekehrten Mörser-Pistill-Verfahren aufgestellt. Palatinalhöcker dienen als Stütze, sodass die Kaumkräfte senkrecht zum Kieferkamm geleitet werden – ein zentrales Element zur Sicherung der Kaustabilität.

Modellanalyse als Blaupause

Die nach Gerber durchgeführte Modellanalyse liefert eine detaillierte Blaupause für die autonome Kaustabilität. Durch die lingualisierten Seitenzähne werden Kräfte gezielt nach innen gelenkt, was Druckstellen und Proglissementsrisiken minimiert – besonders relevant bei Patienten mit Kieferresorption.

  • Lingualisierte Okklusion → senkrechte Kraftlenkung
  • Zahn-zu-Zahn-Kontakt → stabile Okklusion
  • DeltaForm-Seitenzähne → bilaterale Balance

Praxisorientierte Ausbildung – vom Phantom zur Live-Patienten-Demonstration

Der Kurs verbindet Labor- und Klinik-Praxis in vier Schritten:

  1. Modellanalyse: Erstellung und Bewertung des Patientenmodells nach Gerber-Prinzipien.
  2. Stützstiftregistrat & Gotischer Bogen: Hands-on-Übung an Phantommodellen (vgl. YouTube-Video 2021).
  3. Physiologische Zentrik: Bestimmung der optimalen Okklusionszentrik.
  4. Live-Patienten-Demo: Anprobe in Wachs, Charakterisierung des Kunststoffs und finale Fertigstellung am Patienten, anschließend im Auditorium präsentiert.

Durch diese Sequenz erleben Studierende, wie die im Labor erarbeiteten Prothesen in der Realität funktionieren und lernen, laborgefertigte Ergebnisse kritisch zu bewerten.

Bedeutung der Kaustabilität und Vermeidung von Druckstellen

Kaustabilität ist das Kernziel jeder Totalprothese. Das Gerber-Konzept erreicht dies durch:

  • Lingualisierte Seitenzähne, die Kräfte senkrecht zum Kieferkamm lenken.
  • DeltaForm-Zähne, die im Mörser-Pistill-Prinzip aufgestellt werden.
  • Vermeidung von Proglissement und Druckstellen, besonders bei resorbierten Kiefern.

Studierende sehen diese Prinzipien in der Live-Demonstration unmittelbar umgesetzt, was das Verständnis für klinische Konsequenzen stärkt.

Kontinuität und wissenschaftlicher Austausch

Ein Generationenwechsel am Lehrstuhl – Prof. Dr. Matthias Karl übernimmt die Direktor- und Lehrstuhlinhaberschaft, unterstützt von Dr. Daniel Weber – garantiert die Fortführung des Konzepts. Gleichzeitig pflegt Candulor einen intensiven Austausch mit der SSOP. Dr. Holger Gloerfeld, früherer Oberarzt und SSOP-Teacher, integriert die Erkenntnisse aus der SSOP in Kurse wie das „Marburger Konzept 75+“ für die alternde Patientengruppe. Dieser wechselseitige Dialog sichert die wissenschaftliche Basis und die praktische Aktualität des Kurses.

Kritische Betrachtung: Anforderungen und Risiken

  • Anspruchsvolle Totalprothetik wird häufig unterschätzt; nicht jede deutsche Universität bietet intensive Zusatzkurse.
  • Das Gerber-Konzept erfordert präzise Umsetzung – Abweichungen können zu Funktionsstörungen führen.
  • Hands-on-Übungen sind unverzichtbar, um die theoretischen Vorgaben sicher in die klinische Praxis zu übertragen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist die Condylar-Theorie von Prof. Dr. Gerber?
Sie beschreibt eine lingualisierte, bilateral balancierte Okklusion mit Zahn-zu-Zahn-Kontakten und speziellen Mörser-Pistill-Seitenzähnen für stabile Kaumechanik.

Warum wird in der Totalprothetik lingualisierte Okklusion verwendet?
Sie gewährleistet Kaustabilität, minimiert Druckstellen und lenkt Kaukräfte senkrecht zum Kieferkamm – zentrale Lehrinhalte des Gerber-Kurses.

Wie lange besteht die Kooperation zwischen Universität Marburg und Candulor?
Seit dem ersten Kurs im Jahr 2010 wird das Setup-Kursmodell kontinuierlich weiterentwickelt.

Fazit

Die über 15-jährige Kooperation von Candulor, SSOP und der Universität Marburg bietet Zahnmedizin-Studierenden eine einzigartige Kombination aus Theorie, modellbasierter Analyse und Live-Patienten-Erfahrung. Durch das Gerber-Konzept erhalten die Teilnehmenden ein tiefes Verständnis für Kaustabilität, lingualisierte Okklusion und die präzise Umsetzung von Totalprothesen. Trotz der hohen Anforderungen an Präzision und die begrenzte Verfügbarkeit ähnlicher Programme an anderen Hochschulen unterstreicht dieser Kurs die Notwendigkeit praxisnaher Zusatzqualifikationen für angehende Zahnärzte. Die fortlaufende wissenschaftliche Zusammenarbeit und der Generationenwechsel sichern die Zukunftsfähigkeit des Ausbildungsmodells und stärken die Schnittstelle zwischen Klinik und Zahntechnik nachhaltig.

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