Schaltarbeiten und Instandhaltungen im Energieversorgungsnetz bergen ein unmittelbares, lebensgefährliches Risiko durch thermische Störlichtbögen. Die Einhaltung aktueller DGUV-Vorgaben, einschlägiger europäischer Normen und reproduzierbarer Pflegeprozesse entscheidet darüber, ob die persönliche Schutzausrüstung (PSA) im Ernstfall wirksam schützt. Für die Pfalzwerke Netz AG, Betreiber eines weit verzweigten Mittel- und Hochspannungsnetzes, ist deshalb die konsequente Beschaffung normkonformer Multinorm-Schutzkleidung ein zentraler Baustein des Arbeitsschutzes.
Gefährdungspotenzial von Störlichtbögen – physikalische Grundlagen und normative Einordnung
Ein Störlichtbogen kann in wenigen Millisekunden Temperaturen von über 9 000 °C erreichen und große Strahlungsenergien freisetzen. Die DGUV Information 203-077 definiert die Prüfklasse APC 1 (Box-Test nach EN 61482-1-2) mit einem Prüfstrom von 4 kA über eine Einwirkdauer von 500 ms (≈ 168 kJ). Die höhere Klasse APC 2 ist für 7 kA ausgelegt. Die Auswahl der geeigneten Klasse muss exakt mit der im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung ermittelten prospektiven Lichtbogenenergie der jeweiligen Anlage übereinstimmen.
Unfallstatistik und Notwendigkeit einer strengen PSA-Pflicht
Stromunfälle an elektrischen Betriebsmitteln sind überdurchschnittlich gefährlich. Laut dem Institut zur Erforschung elektrischer Unfälle der BG ETEM entfielen im Jahr 2025 ca. 33 % aller gemeldeten Stromunfälle auf Schaltanlagen. Insgesamt wurden 5 112 Stromunfälle erfasst, davon 560 meldepflichtige. Die Letalitätsrate bei meldepflichtigen Stromunfällen liegt rund 20-fach höher als bei allen gewerblichen Arbeitsunfällen. Diese Zahlen belegen die dringliche Notwendigkeit einer zuverlässigen persönlichen Schutzausrüstung für die etwa 250 Techniker und Monteure der Pfalzwerke Netz AG.
Normen und Zertifizierungen für Multinorm-Schutzkleidung
Die Pfalzwerke Netz AG fordert für ihre PSA die nachfolgenden Zertifizierungen:
- Thermischer Störlichtbogenschutz nach IEC 61482-2, Klasse APC 1
- Hitze- und Flammschutz nach EN ISO 11612:2015 (Code A1, B1, C1, D1, E2, F1)
- Schweißerschutz nach EN ISO 1161:2015, Klasse 1-A1
- Elektrostatische Ableitung gemäß EN 1149-5
- Industriewäsche-Eignung nach EN ISO 15797 (Verfahren 8)
Nur Produkte, die sämtliche genannten Nachweise erbringen, gelangen in den Auswahlprozess.
Industriewäsche nach EN ISO 15797 – Verfahren 8
Das Verfahren 8 der EN ISO 15797 testet Arbeitskleidung unter industriellen Waschbedingungen: Buntwäsche bzw. Mischgewebe bei einer Temperatur von 75 °C, gefolgt von einer Tunnelfinish-Trocknung. Dieser Test simuliert wiederholte Hochtemperaturwäschezyklen, die in Netzbetreiber-Betrieben üblich sind. Nach diesem Verfahren bleibt die Flammhemmung und die elektrostatische Leitfähigkeit des Gewebes erhalten – ein entscheidender Faktor für die Langlebigkeit der Schutzfunktion. Das von Pfalzwerke genutzte „Smart-Repair“-Konzept greift auf dieselben normkonformen Materialien zurück und ermöglicht reparative Eingriffe, ohne die Baumusterprüfung zu beeinträchtigen.
Mehrstufiger Beschaffungsprozess bei der Pfalzwerke Netz AG
Der Einkauf von PSA ist ein klar strukturierter, mehrstufiger Prozess:
- Vorauswahl durch den Arbeitskreis Arbeitskleidung, inkl. Anforderung der Produktunterlagen und Beschaffung von Testmustern.
- Prüfung der Zertifikate (APC 1, EN ISO 11612, EN ISO 1161, EN 1149-5, EN ISO 15797) anhand der Gefährdungsbeurteilung.
- Trageversuch mit ausgewählten Produkten, wobei die Akzeptanz von den zukünftigen Nutzern bewertet wird.
- Endauswahl basierend auf Schutzfunktionen, Materialbeständigkeit, Nachhaltigkeit, Design und Kosten-Nutzen-Verhältnis.
Nach dem Abschnitt „Mehrstufiger Beschaffungsprozess“ und vor „Tragetest bestimmt die Auswahl“ wird betont, dass die Unfallerhebungen der Berufsgenossenschaft (BG ETEM 2026) die Notwendigkeit solch strenger Anforderungskataloge belegen. Trotz sinkender Gesamtzahl tödlicher Arbeitsunfälle bleibt die Schwere von Stromunfällen überproportional hoch – ein Drittel aller gemeldeten Stromunfälle betrifft Schaltanlagen, wo Lichtbögen Temperaturen von mehreren tausend Grad erreichen.
Trageversuch und Ergebnis – Kübler Protectiq
Im Rahmen des Trageversuchs wurden zehn Testpersonen aus verschiedenen Einsatzbereichen über mehrere Wochen mit der Multinorm-Kollektion Kübler Protectiq ausgestattet. Die Bewertung erfolgte mittels standardisiertem Fragebogen, wobei folgende Kriterien im Fokus standen:
- Passform und Größe (individuelle Vermessung)
- Bewegungsfreiheit, besonders bei Überkopf- und Biegearbeiten
- Leichtigkeit und thermischer Tragekomfort
- Mechanische Strapazierfähigkeit (z. B. verstärkte Knie, breiter Bund)
Die Ergebnisse zeigten, dass Kübler Protectiq in allen Bereichen die höchste Akzeptanz erzielte. Besonders gelobt wurden der extra breite Bund, elastische, flammhemmende Materialien, speziell geformte Bewegungsfalten im Jackenrücken und vorgeformte Knie. Das integrierte Smart-Repair-Konzept ermöglicht das nachträgliche Anbringen von Emblemen und den Austausch stark beanspruchter Bauteile (Taschen, Reißverschlüsse) ohne Verlust der Baumuster-Prüfbescheinigung.
Smart-Repair und nachträgliche Veredelung ohne Verlust der Baumusterprüfung
Gemäß DGUV-Regel 112-189 dürfen Reparaturen und Emblemanbringungen an PSA der Kategorie III nur mit herstellerfreigegebenen Originalmaterialien und in definierten, normkonformen Zonen erfolgen. Kübler stellt hierfür eine Reparaturmatrix bereit, die den sicheren Austausch einzelner Komponenten garantiert und gleichzeitig die Flammen- und Lichtbogenbeständigkeit unverändert lässt.
Kritische Gegenpositionen und zusätzliche Risikofaktoren
- Begrenzter Schutz durch APC 1: APC 1 bietet keinen universellen Schutz gegen hochenergetische Lichtbögen, die über 4 kA liegen. In Mittel- und Hochspannungsanlagen können höhere Kurzschlussströme auftreten, sodass ergänzende Schutzmaßnahmen (z. B. APC 2) erforderlich sein können.
- Gefahr durch unsachgemäße Nachbearbeitung: Eigenmächtige Reparaturen oder die Nutzung von Haushaltswäsche (Weichspüler, falsche Waschmittel) können die antistatischen Eigenschaften und die Flammhemmung zerstören und den Versicherungsschutz gefährden.
- Abweichungen zwischen Prüfbedingungen und realer Einsatzumgebung: Die Box-Prüfung nach EN 61482-1-2 simuliert den Lichtbogen unter standardisierten Bedingungen. Faktoren wie Umgebungstemperatur, Wind oder dynamische Bewegungen können die thermische Belastung im Praxisbetrieb erhöhen und zu Schutzlücken führen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was unterscheidet die Störlichtbogenschutzklassen APC 1 und APC 2?
APC 1 schützt gegen die thermische Einwirkung eines Störlichtbogens bei einem Prüfstrom von 4 kA über 500 ms. APC 2 ist für 7 kA ausgelegt. Die Auswahl richtet sich nach der anlagenspezifischen Gefährdungsbeurteilung gemäß DGUV Information 203-077.
Warum ist das Waschverfahren 8 nach EN ISO 15797 für Netzbetreiber relevant?
Verfahren 8 simuliert anspruchsvolle Industriewaschzyklen für Buntwäsche bei 75 °C inklusive Tunnelfinish-Trocknung. Es stellt sicher, dass Flammhemmung und Leitfähigkeit auch nach vielen professionellen Waschgängen normkonform bleiben.
Dürfen Firmenlogos auf Schutzkleidung gegen Störlichtbögen beliebig angebracht werden?
Nein. Embleme und Patches dürfen nur in zuvor zertifizierten Zonen und mit nicht brennbaren Materialien angebracht werden, da brennbare Stickereien bei Flammeneinwirkung sekundäre Verbrennungen auslösen können.
Wie oft und warum wird Schutzkleidung alle fünf bis sieben Jahre ausgetauscht?
Der Austauschintervall von 5-7 Jahren basiert auf Materialalterungsmodellen (Wäsche, Beanspruchung), den Erhaltsgrenzen des Schutzvermögens und gesetzlichen Vorgaben der DGUV. Industriewäsche nach EN ISO 15797 beschleunigt die Materialermüdung durch thermische Einwirkung, sodass ein regelmäßiger Austausch die Sicherheit dauerhaft gewährleistet.
Fazit
Die Pfalzwerke Netz AG demonstriert, wie ein ganzheitlicher Beschaffungs- und Pflegeprozess normkonformer Multinorm-Schutzkleidung das Risiko von Störlichtbögen wirksam reduziert. Durch die präzise Auswahl von PSA mit Schutzklasse APC 1, die konsequente Industriewäsche nach Verfahren 8 und das innovative Smart-Repair-Konzept von Kübler Protectiq wird nicht nur die gesetzliche Vorgabe erfüllt, sondern auch ein hoher Tragekomfort und eine lange Nutzungsdauer ermöglicht. Gleichzeitig verdeutlichen Unfallstatistiken der BG ETEM die unverzichtbare Rolle von PSA als letzte Schutzbarriere – insbesondere in schaltausgeprägten Bereichen, die ein Drittel aller Stromunfälle ausmachen. Die Kombination aus normgerechter Technik, strukturiertem Beschaffungsprozess und kontinuierlicher Nutzer-Akzeptanz schafft damit ein robustes Fundament für die Sicherheit des elektrotechnischen Personals im Netzwerkbetrieb.

