Die Wahl des richtigen Wurzelkanalsealers ist entscheidend für den langfristigen Erfolg endodontischer Therapien. Dentsply Sirona stellt mit dem biokeramischen ProRoot Bio Sealer und der nächsten Generation des etablierten Epoxidharz-Sealers AH Plus zwei Materialien vor, die unterschiedliche chemische Grundlagen, biologische Eigenschaften und Handhabungsmerkmale aufweisen. Dieser Artikel fasst die verfügbaren Fakten zu beiden Produkten zusammen, stellt die aktuelle Evidenzlage dar und gibt praktische Hinweise für die klinische Anwendung.
Werkstoffbasen im Überblick: Biokeramik gegenüber Epoxidharz
Der ProRoot Bio Sealer basiert auf einer Kalziumsilikat-Formel, die einen hohen Anteil bioaktiven Zements enthält. Beim Aushärten entsteht ein alkalischer pH-Wert, der die Bildung von Hydroxylapatit fördert und damit eine biomineralische Versiegelung unterstützt. Im Gegensatz dazu beruht AH Plus Next Generation auf einer Epoxidharz-Basis. Das Material ist bekannt für seine ausgezeichnete Dimension-stabilität, minimale Löslichkeit und hohe Röntgenopazität.
- ProRoot Bio Sealer: Kalziumsilikat, hoher pH-Wert, Biomineralisation.
- AH Plus Next Generation: Epoxidharz, bewährte Goldstandard-Qualität, langjährige Dokumentation (>800 Millionen Füllungen).
Klinische Erfolgsraten: Evidenzlage zu Biokeramik vs. Epoxidharz
Systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen (Zamparini et al., 2024) haben die periapikale Heilungsrate von biokeramischen Sealern mit der von AH Plus verglichen. Die Analyse von 15 klinischen Vergleichsstudien ergab keine statistisch signifikante Differenz (Odds Ratio = 1,12; 95 % CI 0,85-1,47; p = 0,41). Damit liefert die Evidenzlage den Hinweis, dass beide Materialklassen in Bezug auf die mittelfristige Zahnerhaltung gleichwertig sind.
- Periapikale Heilungsrate: Vergleichbar, kein signifikanter Unterschied (2024, Meta-Analyse).
- Odds Ratio (Biokeramik vs. Standardsealer): 1,12 (95 % CI 0,85-1,47; p = 0,41).
Biokompatibilität und Biomineralisation – Vorteile von ProRoot Bio Sealer
Der hohe Kalziumsilikatgehalt und der alkalische pH-Wert von ProRoot Bio Sealer fördern die Freisetzung von Calcium-ionen, die die Biomineralisation anregen. Dies führt zur Bildung von Hydroxylapatit an der Dentin-Sealer-Grenzfläche und unterstützt die periapikale Geweberegeneration.
- Fördert Hydroxylapatit-Bildung.
- Alkalischer pH-Wert erhöht die Gewebeverträglichkeit bei Überpressung.
- Interne Studie weist sehr hohe kurzfristige Heilungsraten und stabile radiologische Sichtbarkeit auf.
Dimensionsstabilität und Röntgenopazität – Stärken von AH Plus Next Generation
AH Plus Next Generation setzt die langjährige Reputation des Goldstandards fort. Die verbesserte Paste-Konsistenz erhöht die Fließfähigkeit und die Haftung an Guttapercha. Durch die starke Röntgenopazität von ca. 10 mm Al liegt das Produkt deutlich über der ISO-Grenze von ≥ 3 mm Al (ISO 6876:2012) und ermöglicht eine klare Darstellung im Kontrollröntgen.
Goldstandard mit verbesserter Handhabung und Haftung
Die nächste Generation des Sealers bietet eine optimierte Konsistenz für einfacheres Anmischen, eine höhere Fließfähigkeit und verbesserte Haftung, wodurch das Risiko von Mikroleckagen reduziert wird.
„AH Plus next generation baut auf mehr als 30 Jahre bewährter Goldstandard-Qualität auf und bietet zugleich eine verbesserte Leistungsfähigkeit“, betont Prof. Ove A. Peters, DMD, MS, PhD (University of Queensland).
- Röntgenopazität: ca. 10 mm Al (deutlich über Mindestanforderung).
- Dimensionale Stabilität bei geringer Expansion.
- Bewährte Anwendung bei kalten, warmen und Single-Cone-Techniken.
Revisionsfähigkeit und Überpressungsrisiko
Kalziumsilikat-Zemente binden durch Kristallneubildung chemisch an das Wurzeldentin. Diese Bindung erschwert die vollständige Entfernung bei orthograden Revisionen, weil herkömmliche Lösungsmittel wie Chloroform das Material nicht auflösen. Stattdessen sind mechanische Verfahren mit Ultraschall-Aktivierung erforderlich.
Bei akzidenteller Überpressung in das periapikale Gewebe zeigen biokeramische Sealer jedoch eine geringere Gewebetoxizität und niedrigere Schmerzintensität im Vergleich zu Epoxidharzen, wie systematische Reviews 2024 belegen.
- Postoperative Schmerzrate bei Überpressung: Geringere Gewebetoxizität / Schmerzintensität bei Biokeramiken (2024).
- Revisionsschwierigkeit: Kalziumsilikat-Sealer erfordern aufwendige mechanische Ultraschall-Protokolle.
Praktische Handhabung: Applikator ProRoot Flex Tip und verbesserte Konsistenz von AH Plus
Der flexible ProRoot Flex Tip ermöglicht eine einfache Applikation bei unterschiedlichen Kanalanatomien und reduziert den Materialverlust pro Spitze um bis zu 49 % (2026). Diese Einsparung unterstützt eine kontrollierte Platzierung und minimiert Verschwendung.
AH Plus Next Generation profitiert von einer optimierten Paste-Konsistenz, die das Anmischen erleichtert und die Fließfähigkeit erhöht. Beide Produkte bieten eine gute Sichtbarkeit im Röntgen, wobei AH Plus mit ca. 10 mm Al deutlich stärker ausstrahlt.
- Materialverlust-Reduktion ProRoot Flex Tip: 49 % (2026).
- Verbesserte Fließfähigkeit bei beiden Sealern unterstützt die vollständige Ausfüllung der Mikromanatomie.
- Keine Verfärbung bei ProRoot Bio Sealer; einfache Revision durch geeignete Techniken bei AH Plus.
Indikationsstellung und Anwendungsfälle
Die Wahl zwischen den beiden Sealern richtet sich nach klinischen Anforderungen:
- ProRoot Bio Sealer: Ideal für Single-Cone-Technik, Zähne mit weiten Foramina, Resorptionen oder wenn eine bioaktive Versiegelung erwünscht ist. Akzeptiert Restfeuchtigkeit aus den Dentintubuli.
- AH Plus Next Generation: Empfohlen bei Bedarf nach maximaler Dimensionsstabilität, hoher Röntgenopazität und einfacher Wiederaufbereitung, insbesondere bei thermoplastischen Fülltechniken.
Wann sollte ProRoot Bio Sealer und wann AH Plus Next Generation bevorzugt werden?ProRoot Bio Sealer eignet sich besonders für die Single-Cone-Technik, Zähne mit weiten Foramina oder Resorptionen, da er biokompatibel aushärtet und Feuchtigkeit toleriert. AH Plus Next Generation empfiehlt sich, wenn maximale Dimensionsstabilität bei thermoplastischen Obturationstechniken oder eine gesicherte spätere Lösbarkeit bei Revisionen im Vordergrund stehen.Wie verhält sich die Revisionsfähigkeit biokeramischer Sealer im Vergleich zu Epoxidharzen?Epoxidharz-Sealer wie AH Plus lassen sich in Kombination mit Guttapercha durch thermische Instrumente und Lösungsmittel verlässlich entfernen. Bei Biokeramiken verbleiben oft mineralisierte Restablagerungen in den Tubuli, weshalb vermehrt aktivierende Spülsysteme (z. B. Ultraschall) erforderlich sind.
Gegenüberstellung von Vor- und Nachteilen
- Vorteile ProRoot Bio Sealer
- Fördert Biomineralisation und Hydroxylapatitbildung.
- Alkalischer pH-Wert reduziert Gewebetoxizität bei Überpressung.
- Hohe Fließfähigkeit und einfache Applikation dank Flex Tip.
- Nachteile ProRoot Bio Sealer
- Erschwerte Wiederaufbereitung bei Revisionen – erfordert Ultraschall-Protokolle.
- Abhängigkeit von Restfeuchtigkeit für korrektes Abbinden.
- Vorteile AH Plus Next Generation
- Ausgezeichnete Dimensionsstabilität und hohe Röntgenopazität (≈10 mm Al).
- Einfaches Entfernen mit Lösungsmitteln und thermischen Techniken.
- Bewährter Goldstandard mit über 800 Millionen Dokumentationen.
- Nachteile AH Plus Next Generation
- Kein aktiver biologischer Effekt wie Calcium-Freisetzung.
- Kann bei Überpressung zu stärkerer Gewebereaktion führen.
Fazit
Der biokeramische ProRoot Bio Sealer und der epoxidharz-basierte AH Plus Next Generation erfüllen beide hohe klinische Standards, unterscheiden sich jedoch in ihren biologischen Eigenschaften und ihrer Handhabung. Aktuelle Meta-Analysen zeigen, dass die periapikale Heilungsrate beider Materialklassen vergleichbar ist. ProRoot Bio Sealer punktet mit biomineralischen Vorteilen und einem reduzierten Materialverlust dank des Flex Tips, bringt aber eine höhere Komplexität bei Revisionen und eine Feuchtigkeitsabhängigkeit mit sich. AH Plus Next Generation besticht durch herausragende Röntgenopazität, dimensionsstabile Versiegelung und einfache Wiederaufbereitung, bietet jedoch keinen aktiven biologischen Nutzen. Die sachgerechte Auswahl zwischen beiden Sealern sollte anhand der individuellen klinischen Situation – Single-Cone- versus thermoplastische Techniken, Bedarf an Bioaktivität, Revisionsszenario und Feuchtigkeitsbedingungen – erfolgen.

