Das Verständnis von Candidose und viralen Infektionen der Zunge ist für die zahnmedizinische Praxis von zentraler Bedeutung. Beide Krankheitsbilder können zu atrophischen Veränderungen der Zunge führen, das orale Mikrobiom destabilisieren und das Risiko für weiterführende Komplikationen erhöhen. Insbesondere bei Patienten mit immunsuppressiven Erkrankungen, Diabetes mellitus oder anderen systemischen Risikofaktoren muss die Mundgesundheit sorgfältig überwacht werden.
Ursachen und klinische Erscheinungsformen der oralen Candidose
Atrophische Glossitis durch Candida
Eine Candida-Infektion kann sich in einer erythematösen Form mit glänzend-glatter Zungenschleimhaut und teilweisem bis vollständigem Verlust der filiformen Papillen äußern. Bei der medianen rhomboiden Glossitis ist das Areal scharf umschrieben, oval, 2-3 cm im Durchmesser und betrifft bevorzugt Männer zwischen 30 und 50 Jahren. Zusätzlich können Schmerzen und ein “Burning-Mouth-Syndrom” auftreten. Oft entsteht eine spiegelbildliche Läsion am Gaumen gegenüber dem betroffenen Zungenbereich.
Einfluss von Immunsuppression und Diabetes
Studien zeigen, dass die Inzidenz von oraler Candidose bei immunsuppressiven Patienten deutlich ansteigt. Besonders häufig betroffen sind Menschen mit HIV-Infektion und Menschen mit Diabetes mellitus. Beide Patientengruppen profitieren von einer intensiven Mundpflege und einer engen interdisziplinären Betreuung.
- Immunsuppression (z. B. HIV, onkologische Therapie)
- Diabetes mellitus
- Tabak- und Alkoholkonsum
- Inhalative Steroide
- Tragen von Vollprothesen
- Hyposalivation und Xerostomie
Durch diese Faktoren wird das orale Mikrobiom gestört, die Konzentration von IgA, Lysozym und Lactoferrin sinkt und säuretolerante Spezies wie Candida können leichter etablieren. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag Zusammenhang zwischen Zungenverfärbungen und systemischen Erkrankungen.
Virale Infektionen der Zunge
Herpesviren (HSV-1, HSV-2, VZV)
Herpesviren können sämtliche Bereiche der Mundschleimhaut, einschließlich der Zunge, infizieren. Typische Manifestationen sind kleine grauweiße Bläschen, die rasch zu fibrinbelegten Ulzera werden. Die Differenzialdiagnose zu Aphten oder Autoimmunbläschen erfordert den Tzanck-Test, bei dem Akantholyse-Zellen, mehrkernige Riesenzellen und typische Kerneinschlüsse nachgewiesen werden können.
Eine speziell die Zunge betreffende Form ist die 1993 beschriebene “herpetische geometrische Glossitis”, die vor allem immunsupprimierte Patienten betrifft und schmerzhafte, geometrisch verzweigte Läsionen am Dorsum der Zunge hervorruft. Die antivirale Therapie erfolgt mit Aciclovir oder Valaciclovir.
Das Varicella-Zoster-Virus kann bei immunsupprimierten Patienten entlang des Nervus trigeminus unilateral schmerzhafte Bläschen und Ulzera am Gaumen und an der Zunge verursachen. Eine antivirale Therapie mit Aciclovir, Valaciclovir oder Brivudin sollte möglichst innerhalb von 72 Stunden nach Symptombeginn beginnen.
Humanes Papillomavirus (HPV)
Rund 200 HPV-Typen sind bekannt und werden nach onkogenem Potenzial in Low- und High-Risk-Typen unterschieden. In der Mundhöhle dominieren Infektionen mit geringem Entartungsrisiko. Low-Risk-Typen (z. B. HPV 2, 4, 6, 8) können Verucca vulgaris oder squamöse Papillome auf der Zunge hervorrufen. High-Risk-Typen, insbesondere HPV 16, können in seltenen Fällen zu Präkanzerosen, dysplastischen Veränderungen und invasiven Plattenepithelkarzinomen führen.
Die Viren dringen über winzige Epithelverletzungen in die Basalzellschicht ein, integrieren Teile ihres Genoms und stören die Zellzykluskontrolle. Eine frühe Biopsie und chirurgische Entfernung verdächtiger Läsionen sind empfohlen.
Differenzialdiagnose und klinische Abgrenzung
Bei oralen Läsionen ist die Unterscheidung zwischen fungalen, viralen und bakteriellen Ursachen essenziell. Pseudomonas-Infektionen können ähnliche Symptome hervorrufen und müssen bei der Diagnostik berücksichtigt werden. Zur Abgrenzung von Zungenveränderungen gegenüber einem Karzinom lesen Sie mehr im Beitrag Differenzialdiagnostik, Stadieneinteilung und risikoadaptierte Therapie des Zungen- und Mundhöhlenkarzinoms.
- Candidose: erythematöse, glänzend-glatte Zunge, Verlust der Papillen, mögliche Burning-Mouth-Syndrom
- Herpesviren: kurze Bläschen, Ulzera, positive Tzanck-Test-Ergebnisse
- HPV: papilläre Epithelproliferationen, ggf. Low-Risk-Läsionen, Risiko für High-Risk-Transformation
- Pseudomonas: ähnliche erythematöse Veränderungen, jedoch bakteriell bedingt
Therapieansätze und Prävention
Die Behandlung richtet sich nach dem Erreger und den individuellen Risikofaktoren des Patienten.
- Antimykotika bei Candidose: lokale Anwendung von Nystatin oder systemische Therapie mit Fluconazol.
- Antivirale Therapie bei Herpes-Infektionen: Aciclovir, Valaciclovir, Ganciclovir oder Interferon, je nach Erreger und Schweregrad.
- HPV-bezogene Läsionen: Biopsie zur Abklärung, chirurgische Entfernung, regelmäßige Nachkontrolle.
- Mundhygiene: gründliche Reinigung, Vermeidung von Xerostomie, ggf. Speichelersatzmittel.
- Systemische Kontrolle: optimale Blutzuckereinstellung bei Diabetikern, engmaschige Überwachung von HIV-Patienten.
- Risikomanagement: Reduktion von Tabak- und Alkoholkonsum, Überprüfung von inhalativen Steroiden, Anpassung von Prothesen.
Wie wird Candidose bei immunsupprimierten Patienten behandelt?
Die Behandlung umfasst in der Regel lokale Antimykotika wie Nystatin oder systemische Medikamente wie Fluconazol.
Fazit
Candidose und virale Infektionen der Zunge stellen häufige, aber differenzierbare Ursachen für atrophische Glossitis und andere orale Läsionen dar. Besonders häufig betroffen sind immunsupprimierte Patienten, etwa mit HIV-Infektion, und Diabetiker. Ein tiefes Verständnis der klinischen Präsentation, der zugrunde liegenden Risikofaktoren und der geeigneten Therapieoptionen ermöglicht Zahnärzten, betroffene Patienten gezielt zu diagnostizieren, zu behandeln und langfristig zu betreuen. Regelmäßige Mundhygiene, interdisziplinäre Zusammenarbeit und eine konsequente Kontrolle systemischer Erkrankungen sind dabei zentrale Pfeiler einer erfolgreichen Prävention und Therapie.















